Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 29 (1932)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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eignet, die Zurück werfung des Landes auf sich selbst, das stellt höchstens noch dem Grade, aber nicht dem Wesen nach einen Einzelfall dar. Und da gleiche Vorgänge immer auch zu Ideologien mindestens ähnlicher Art führen, hat auch dieser Versuch, obschon nur aus der deutschen Situation entstanden, vielleicht Aussicht, von allgemeinerer Gültigkeit zu sein oder zu werden. Aber selbst mit dieser Einschränkung bleibt es noch ein Teilversuch. Der moderne Zionismus entstand unter der Herrschaft einer liberalen Welt. Sein Inhalt zwar war vor ihm da und wird da sein, solange Juden, existieren, aber die Form, in der er sich bildete, und die Grenzen, die er seiner Gegenwelt setzte, wurden durch jene einmalige, jetzt schon historisch gewordene Epoche bestimmt, in der er wurde. Heute sind neue Kräfte am Werk, die das Ende des liberalen Zeitalters bedeuten. Neben dem Kommunismus dringt ein neuer Nationalismus herauf, und das Ringen dieser beiden Mächte gibt unserer Zeit das Gepräge. Da hat auch der Zionismus bei aller Unveränderlichkeit seines Inhalts sich neue Grenzen zu setzen: die Fronten haben sich geändert. Ein erschöpfender Versuch also hätte sich links am Kommunismus und rechts am Nationalismus dieser Zeit zu orientieren. Wieweit es sich dabei wirklich um zwei völlig getrennte Fronten handelt, ob nicht zumindest in Deutschland in der praktischen Realität die Möglichkeit gegeben ist, daß beide Fronten in eins verschmelzen, ist eine offene Frage. Noch jedenfalls steht der von Rußland praktisch und geistig beherrschte Kommunismus auf seinem besonderen Feld und bedarf deshalb einer besonderen Erörterung. In diesem Rahmen aber wird der Bezirk nur nach rechts abgegrenzt. Schon dieser Teilversuch birgt genug der Schwierigkeiten in sich. Sie liegen einmal darin, daß wir der Zeit, aus der wir kommen, noch nicht distanziert genug gegenüberstehen. Wir sind nur zu leicht geneigt, sie blindwütig gegen alle Angriffe zu verteidigen, die jetzt so wild auf sie herniederprasseln, oder umgekehrt, beeindruckt von der Not dieser Tage, die Glorie eines doch unvergänglichen Jahrhunderts in den Staub zu ziehen. Noch fehlt der Abstand, und es mag verzeihlich sein, wenn auch die Haltung des Beurteilers noch schwankt. Die zweite Schwierigkeit liegt darin, daß man mit der Anwendung der allgemeinen Erkenntnisse auf das zionistische Spezialproblem ein im wesentlichen noch unerschlossenes Gebiet betritt, in dem es alle Pfade erst zu ebnen gilt. Deshalb wird hier immer von einem Versuch gesprochen. Und wenn diesem Versuch überhaupt irgendein Wert zukommen sollte, so Hegt er nicht in dem einzelnen Urteil, das hier gefällt wird, und nicht in den Schlußfolgerungen, die gezogen werden — der Leser mag anders urteilen und anders folgern —, sondern er könnte nur in der Problemstellung liegen. Mit dieser Problemstellung nämlich wird der bei uns seit langem bestehenden unklaren Erkenntnis von einer gewissen Unzulänglichkeit unserer Ideologie Rechnung getragen. Sie ist nicht unzulänglich in bezug auf ihren positiven Gehalt, es ist alles Erforderliche in ihr enthalten; aber sie ist noch unzulänglich in der Wendung dieses Gehalts auf neue Erscheinungsformen der Umwelt. Es müssen aus seinem Kern neue Fronten gebildet werden. 4