Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 28 (1931)
- Issue
- (Dezember 1931)
- Date
- 1931-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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schüttete Quellen, deren Vorhandensein wir immer behauptet und zur Voraussetzung inneres ganzen Zionismus gemacht haben, wieder freizulegen. Die Besondesfieit dieses Problems rechtfertigt auch die besondere Form seiner Behandlung. Wir wollen versuchen, in der Form eines Dialogs aus einesganz anderen Epoche der jüdischen Geschichte das von den Zeitvoraassetzungen unabhängige Ringen um dieses Problem darzustellen. Wdbneigen zu sehr dazu, die Zeitströmung unserer Umwelt als etwas Einmaliges, Ewiges, Entscheidendes anzusehen. Die Fragen, die 'Her auftauchen,.sind immer akut geworden, wo sich das jüdische Volk fremden Einflüssen gegenüberfand; die Antworten, die gegeben wun£en, behalten ihre Gültigkeit, gleichviel, ob es sich um die Auseinandersetzungen mit dem Hellenismus oder dem Liberalismus und Kornnunismus handelt. Unser Dialog spielt im zweiten Jahrhundert. Nach den Aufständen unter Tiajan und Hadrian, die mit unsagbarer Grausamkeit beendet wurden, war die politische Kraft der Juden auf lange Zeit gebrochen; die crezige Kraft, die geblieben war und trotz aller Leiden und Verfolgungen blühte, war die Gesetzeslehre, deren Ausdeutung und Erweiterung den Inhalt dieser Epoche bildet. Ein Kampf war - es um die Eigenart des Judentums, das sich behaupten mußte gegen das wachsende Christentum, gegen die Mystik der Gnoa und gegen den weiten, alks vereinheitlichenden Geist des Hellenismus. In Uschar, einem kBeinen Städtchen, entstand das neue Sanhedrion. Seine Köpfe waren Simon ben Gamliel, Simon ben Jochai, Rabbi Nathan und RaHkr Meir. Streng und im engen Zusammenhang mit den vergangenen Epochen erzogen sie die jüdische Jugend, lenkten sie in den Bahnen, der Tradition. In dieser Zeil lebte ein Mann, von dem die Mischna wenig erzählt, der aber eite eigentümliche Person gewesen sein muß. Elischa ben Abuja hieß er; erzogen und erfahren wie kein zweiter in der Welt des Juderitais, daß er einem Rabbi Meir zum Lehrer werden konnte. Er war einen Weg gegangen, der ihn herausführte aus den Bahnen der Uebarlieferung zu einem einsamen Ziele, zu dem Ziele der Angleichung des Judentums an die Art des Griechentums, zu dem Einbruch der griechischen Philosophie in die jüdische Gedankenwelt. Weil er in dieser Zeit der Gefährdung sich absonderte und von innen heraus da* Judentum umwandeln wollte, tat man ihn in den Bann und stempelte ihn zu dem „Acher" (dem Anderen). Ein gewaltiger Denker muß er jedoch gewesen sein, denn die Mischna erzählt uns von dem Kampf der Tannaim um ihn. An eine dieser Erzählungen knüpft unser Dialog an. Am Schabbath schritt einst Rabbi Meir neben Acher, der zu Pferde ritt, und sie sprachen über den Wert des Judentums. Und als sie an die Grenze kamen, die ein frommer Jide am Schabbath nicht überschreiten darf, sprach Elischa ben Abuja zu Mein „Bis hierhin darfst Du gehen und nicht weiter, denn hier ist die Grenze des Sdabbath." Da blickte Rabbi Meir ihn an und. sprach: ,,Und Elischa ben Abuja?'* E. b. A.: „--bindet lein Gesetz und keine Grenze. Ich opfere nicht die Freiheit der Zukunft der Eige der Vergangenheit. Erschöpft man die Unendlichkeit der Welt in e inem Buch, die Vielfalt des Lebens in sechshundertdreizehn Mizwoth? Nicht nur ^on Zion geht .Logos* aus, überall da, wo Menschen denken, bauen wir gemeinsam die neue Welt!" R. M.: ,,Hast Du mich zieht gelehrt, daß auch wir, wir beide aus Aegypten zogen? Von damals sind wir, und nicht von heute. Wärest Du von heute, wärest Du Elischa? Selbst! noch den ,Acher' bindet Gewesenes!'* 28