Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 28 (1931)
- Issue
- (Dezember 1931)
- Date
- 1931-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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Inhalt dieses Wolkns, das es nicht allein unternahm, einzelne Zustände, Einrichtungen, Bedingungen zu ändern (obwohl es alles dieses auch erstrebte), sondern wahrhaft den ganzen Menschen zu erfassen und umzuwälzen suchte. Die revoluüoniire Kraft dieser Gedanken lag zuerst natürlich im rein Negativen, im ,,Pathos der Distanz" gegenüber der öden Geistlosigkeit oder dem lauwarmen Liberalismus der älteren Generation. Darüber hinaus kam zunächst das Freiheitsgefühü. des erwachenden Individuums zur Entfaltung: der Geist Rousseaus, des jun£en Goethe, kurz die abendländische Renaissance in ihrem geistesgeschichtlichm Sinn und Wert bestimmten diese Erlebnisse. Die moralische Sicherung für diese individuelle Gelöstheit schöpfte sich gerade aus der Klai&eit der zionistischen Zielsetzung, die als Polster über aller Bewegtheit stand. Dieses Wegweisers sicher konnten junge Menschen zur größten Intensität ifires individuellen Erlebens gelangen, da die Folie der jüdischen Erneuerung, sBer kulturellen Renaissance, fast jedem persönlichen Inhalt objektiven Wert verlieh. Jeder schöne Augenblick geraeinsam verlebter Jugend wurde als Änbruch des neuen Lebens der Nation vorempfunden- Das Bild dieses neuen 'Lebens in Palästina strahlte als geistige Sonne über allem und spendete Reinhait noch dem ästhetischen Genießen und Freudigkeit auch der ernstesten Pflkhterfüllung. Die Intensität des objektiv-subjektiven Erlebens erzeugte eine zionistische Spannung, die diesen Jahren für diejenigen, die ihrer Jugend trau geblieben sind, zum wenigsten pädagogisch eine große Fruchtbarkeit verliefh. Ein Irrtum zu gbeuben, daß es sich hier nur um Probleme einer bestimmten Jugendbewegung bandle, denn auch alles, was je Chaluziuth hieß, ist aus solchem Geiste gebaren, und die Generation des deutschen Zionismus, von der hier die Rede ist, war, umsonst oder nicht, einst eine große Hoffnung. Vielmehr ist hier ein wesentlicher sachlicb-ideologiscber Zusammenbang gegeben: Nationalismus als Idee steht zum Humanismus*) in engster Beziehung; die nationale Kultur kann lebendig nur als Körper aller humanistischen Werte vorgestellt werden. Dies ist ihre Funktion und die politische Chance des idealistischen Nationalismus auch in der Gegenwart. Allein die Nation ist befähigt, die individuellen KräSie zur totalen, d. h. humanistischen Kultur zu integrieren. Sinnlos der Nationalismus, der sich mit weniger als der humanistischen Totalität begnügt, schade um & Jugend, die ihre eigenste Aufgabe nicht erkennt. * Die Erziehun'g unserer Jugend muß durch die vorstehend dargelegte Zielsetzung geleitet sein. Praktisch läuft das auf die doppelte Aufgabe hinaus: Kräfte zu lösen und zu binden. *) Humanismus isit das Streben nach menschlicher Vollendung, welche, da es Vollkommenheit für uns nicht gibt, nur in der Form einer Totalität, d. i. der harmonischen Entfalhng aller potentiellen Kräfte, erreicht werden kann. (Auf den einzelnen bezoger, liegt in dieser Rclativierung auf die gegebenen Kräfte im Humanismus die Gefahr einer individualistischen, selbstgenügsamen, ästhetischen Haltung. Sie kmn überwunden werden nicht durch Aufgeben der individualen Form, sondern durch ihre Erfüllung mit sozialen — und durchaus auch: sozialistischem — Inhalt. Konflikte sind hier natürlich möglich, in bestimmten Zeiten sind sie unausweichlich: Pioniertum kennt keine persönliche Erfüllung.) 24