Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1931-12-01 · (Dezember 1931) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
28 (1931)
Issue
(Dezember 1931)
Date
1931-12-01
Page
[Seite] (sequence 25)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3537599-3537820-3537828--8185-3546240
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Zeigt sich somit am Beispiel des Zionismus mit besonderer Klarheit, daß Nation (zum mindesten: auch) ein geistiger Begriff ist, so fragt sich, ob wir ihm heute für uns einen konkreten Inhalt geben können und wie er etwa aussehen würde. * Die negative Antwort des formalen Zionismus ist bekannt. Sie hat eine doppelte Wurzel: Die erste kommt her von der vitalistischen Auffassung des Nationalismus, der der ursprüngliche gesunde" Lebenswille der Nation genügende Legitimation und Zielsetzung ist. Die zweite entspringt der praktisch-politischen Ueberlegung, daß in der jüdischen Situation die Herstellung normaler Existenzbedingungen Aufgabe genug ist, daß der zweite Schritt nicht vor dem ersten getan zu werden braucht und daß sich an der nationalen Anstrengung für den Palästina-Aufbau kulturelle Kräfte genug entzünden werden. Ein — praktisch sehr wichtiget, — Zugeständnis ist dieser Auffassung zu machen: die Anerkennung des Primats der Palästina - Kolonisation, die gemeinsames und unter allen Umständen einigend-verbindendes Ziel jedes Zionismus sein muß. In der jüdischen Situation ist allerdings nichts wahnwitziger, als jeder kulturelle Zelotismus, gleichviel welcher Färbung, wenn und soweit er den Palästina-Aufbau überhaupt in Gefahr bringt. Im übrigen aber gibt der formale Nationalismus nur eine dilatorische Lösung und, bei Lichte besehen, nicht einmal das. Auch der Vitalist fragt nach der Gesundheit nationalen Lebens. Welches sind ihre Kriterien? Der nationale Lebenswillen ist als reiner Prozeß unmöglich, er muß sich in kulturellen Schöpfungen niederschlagen; woran mißt man ihren Wert? Und wenn die gemeinsame Anstrengung für den Palästina-Aufbau kulturelle Kräfte weckt, was enthebt uns der Notwendigkeit, im Kampf dieser Kräfte heute Stellung zu nehmen? Auf die Frn'--* d ■: Zeitpunktes und der Berechtigung des Zionisten im Gallith zu dieser Problemstellung hat Buber die Antwort gegeben: „. . . . das Zentrum des jüdischen Volkes wird nur dann auch das Zentrum des Judentums werden, wenn es nicht um der Erneuerung willen, sondern aus der Erneuerung und durch sie geschaffen wird." Freilich bleibt es zionistische Grundwahrheit, daß für die jüdische Erneuerung der Palästina-Aufbau entscheidende Bedingung ist, woran sich jedes Streben zu orientieren hat. Humanismus Von PaulSchnurmacher. Kann überhaupt jemals schwerlich Kultur bewußt direkt erzeugt werden, so ist in unserer jüdischen Situation jedes derartige Beginnen erst recht unmöglich. Dagegen kann die Forderung, der jüdischen Erneuerung etwas anderes bedeuten, was nicht nur möglich, sondern auch, weil hiermit angefangen werden muß, durchaus unerläßlich ist: die Erneuerung des jüdischen Menschen, „Bereit sein, heißt bereiten," Diese Wahrheit war einer Generation zionistischer Jugend sehr vertraut, heute scheint sie dem Bewußtsein zu entschwinden. Und doch war in ihr eine wesentliche Ursache zionistischer Begeisterung gegeben. Die menschenverwandelnde Kraft des zionistischen Gedankens, die so vielen Zionisten zur Erfahrung geworden ist, beruhte, wie mir scheint, wesentlich auf der Chance der kulturellen Leistung, die dem angebundenen Kulturwillen des einzelnen hier geboten war. Hier verlohnte es sich, alle Kräfte an das Ziel zu setzen in heiligem Ernst. Hier war eine Aufgabe, an der sich Persönlichkeiten bilden konnten. Dies allein wäre noch kein Spezifikum des Zionismus gewesen, andere Bewegungen, der Sozialismus z. B„ boten und bieten ähnliches. Einmalig war der 23

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.