Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 28 (1931)
- Issue
- (Dezember 1931)
- Date
- 1931-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Daß mir die Vorginge, um die es sich dabei handelt, im Gedächtnis sehr verblaßt sind, wäre nit&t einmal der ausschlaggebende Grund für die Ablehnung der Arbeit. Es würde ja wohl genügen, in großen Zügen zu sagen, um was es sich handelte, und das könnte ich allenfalls noch. Wichtiger ist schon, daß mir diese Dinge, die unsere Jugend bewegten, heute doch verhältnismäßig unbe« deutend erscheinen, sozusagen als ob ich sie durch ein umgekehrtes Opernglas betrachtete. Wir haben; inzwischen allerhand im Zionismus erlebt, Angenehmes und weniger Angenehmes. Da würde es mir schwer fallen, mich noch einmal in die Zeit und Stimnung zu versetzen, als uns die Angelegenheiten der zionistischen Akademiker in Deutschland die Achse der zionistischen Bewegung überhaupt zu seinscüenen. Gewiß haben sie ihre Wichtigkeit, auch heute noch. Aber wir haben doch inzwischen gelernt, daß es auch außerhalb Deutschlands und seiner hohenSchulen einen Zionismus gibt, der sich sehen lassen kann. Letzten Endes entscheidend ist aber die Erkenntnis, daß die Parteien, die sich damals in geistiger. Auseinandersetzung gegenüberstanden, nicht identisch sind mit einer Gruppe <£er guten und einer der weniger guten Zionisten. Wir, die wir damals für eine möglichst intensive, auch äußerlich erkennbare Zionisierung des B.LC. eintraten^ waren überzeugt, daß wir die Patentzionisten waren und auf der anderen Sehe die Flauen und Gesinnungsschwachen standen. Diese Auffassung war entschuldbar und verständlich. Wer im Kampfe steht, wird immer einseitig denken. Aber sie war falsch. Die lange Reihe von Jahren» die seitdem verflossen ist unf in der man die Entwicklung von Freunden und „Feinden" beobachten konnte,, hat gezeigt, daß damals keineswegs auf unserer Seite nur die allein echten Ziansten und auf der anderen die weniger echten standen. jMancher großartige Ten&nzkampfer von damals weiß heute wohl kaum noch, was Zionismus ist, und wird daran höchstens noch wie an eine Jugendeselei, und nicht einmal eine hslde, denken. Und andere, denen wir damals unsere Anerkennung versagten, liabea gezeigt, daß sie ohne den Zionismus nicht leben können. Mehr kann imm schließlich nicht verlangen. Aber weil ich diesen Irrtum eingesehen habe, mag ich heute zu jenen Vorgängen jiicht mehr zurückkehren. Immerhin — die Zeikn damals waren erfüllt vom intensivsten zionistischen Denken und Streben, und das war doch schön. Ich kann Euch nichts Besseres wünschen, als daß Ihr vqe Eurer K. J.V.er-Zeit so viel Gewinn fürs Leben haben möchtet, wie wir es halten! Ay^iben jüdischer Erneuerung: Zur Erzieliuxigsirag& Ein zwingendes mafexielles Interesse, das den einzelnen westlichen Juden zum Nationalismus führen müßte, gibt es nicht, — immer sind andere individuelle Lösungen, saa es auch durch radikalen Abfall, möglich. Auch das Gefühl der durch den Judenhaß gekränkten persönlichen Würde ist für sich allein nicht :aisreichend, um zum politischen Entschluß zu führen. Der Zionismus kann sich daher (im Westen) nur an Menschen wenden, die Sinn für geistige Werte üib e r h a u p t haben und darüber hinaus irgendeines Gefühls für gesellschaftliche Verantwortlichkeit in historischer Perspektive fähig sind. Im Schlagwort gesagt: Wille zur Kultur ist Voraussetzung für die zionistische Entscheidung. 22