Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 28 (1931)
- Issue
- (Dezember 1931)
- Date
- 1931-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Leben geschehen könne. Bemerkenswert ist: wer damals auf unsere Weise und in unserer Art als Zionist zum Judentum zurückkehrte, der ist auch in neuen Welten unangefochten seinem Zionismus treu geblieben. Ein richtiges Bild von dem was war, kann auf die Weise, wie wir es bisher versucht haben, nicht gegeben werden; nur ein Künstler könnte Menschen und Verhältnisse für das heute lebende Geschlecht glaubhaft hinstellen und einen Eindruck von der besonderen Art unseres zionistischen Lebens in jenen Jahren geben. Das dritte zionistische Geschlecht, das heute den 25. Geburtstag der Maccabaea feiert, bekennt großenteils einen „selbstverständlichen" Zionismus, tfur selten ist dieser Zionismus eine erkämpfte neue Position, viel häufiger ein bequemer Ausgangspunkt für weitere Wanderungen durch Zeitströmungen und Weltbewegungen. So ist es nicht zu verwundern, daß schon aus diesem Grunde zionistische Ungewißheit eine häufige Erscheinung bei jungen K.J.V.ern ist. Es ist ja auch sonst überaus schwer, sich heute in der Welt zurecht zu finden. Alle Fronten scheinen miteinander vertauscht zu sein. Jedes Jahr bringt neue politische Konstellationen, beherrschende neue Erscheinungen im geistigen Leben und in der Wirtschaft. Auch bei Zionisten, nicht nur bei Liberalen, spürt man die Sehnsucht nach der vergangenen Weltperiode, in der die Juden sich so heimisch fühlten. In jenem jüngst-vergangenen Zeitabschnitt traute det Jude der Zeit in einer- Weise, wie er das niemals im Laufe seiner Geschichte getan hatte. Er glaubte gar nicht in einer Periode, die auch einmal unwiderbringlich Geschichte werden würde, zu leben, sondern seine Zeit kam ihm so endgültig vor, .so als ob am Ende der Zeiten die mit 1789 beginnende Aera stehe, mit ihrem liberalen Staat, mit Freiheit und Freihandel, mit Aufstieg und vor allen Dingen mit dauerndem Fortschritt. Was er überhaupt noch erwarten konnte, war der Fortschritt innerhalb einer endgültigen Entwicklungsstufe. Alle Juden waren gern Kinder ihrer Zeit, in die sie sich intellektuell einzugliedern vermochten. Man traute dem intellektuellen Zeitalter, in dem anscheinend geistige Systeme Realitäten des Lebens zu schaffen vermochten, wo die guten Gründe des Nichtjuden durch bessere Argumente des Juden erledigt werden konnten. Heute hat die Diskussion mit der Umwelt ihren Sinn verloren. Die Sprechchöre triebhafter Bewegungen hören und verstehen keine noch so guten Gegengründe. Das gehemmte und gebändigte Leben der vorigen Periode wird abgelöst durch hemmungslose Bewegungen von barbarischer Eindeutigkeit und Wildheit. In der Welt der Intellektuellen und Differenzierten kam viel darauf an, einen Standpunkt zu finden und zu verteidigen. Gut geschützte Positionen, geistige und rechtliche, konnten gehalten werden. Heute hat man zwischen Strömen zu wählen, in die man sich hineinwerfen muß, deren Richtung nicht dadurch geändert wird, daß man im Mitschwimmen die eigene Färbung zu wahren versucht. In der Vorkriegszeit schienen Welt und Völker die Juden zu brauchen, oder die Juden waren wenigstens fest davon überzeugt, daß es ohne sie nicht ginge. Heute ist die Notwendigkeit unserer Galuthexistenz nicht nur den Völkern, sondern auch uns recht zweifelhaft geworden. Der junge Zionist überlegt sich, ob und wohin er den großen Sprung riskieren soll; er kommt sich verarmt vor, wenn er abgeschieden von neuem Weltgeschehen sein Leben führt. Der Niedergang der demokratischen Formen, die Not der Massen, das Desperadotum von Millionen, die Glaubenslosigkeit und Glaubenssehnsucht ganzer 2