Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 28 (1931)
- Issue
- Heft 10-11 (Oktober 1931)
- Date
- 1931-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537820-3537827--8131-3546185- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
seine Gesundung notwendig ist, und die nur nach Ansicht des C.V. deutschen Interessen widersprechen. Da für ihn in der Hauptsache die sogenannten Abwehrgesichtspunkte maßgebend sind, besteht seine jüdische Ideologie aus einer unverbindlichen Religiositätsdoktrin einerseits und vorsichtiger Propagierung der ,,Entjudung des Judentums" andererseits (Brunner-Propaganda). So schafft diese Politik ein schwaches, in sich zerrissenes Judentum. 4. Der deutsche Zionismus verspricht sich von Maßnahmen, die allein der Abwehr antisemitischer Propaganda dienen, keine Besserung der Situation des deutschen Judentums. Selbst eine bessere Abwehrpropaganda als die vorhandene, die nur mit papierenen Mitteln arbeitet, wäre nicht imstande, greifbare Erfolge zu erzielen. Der Zionismus wünscht daher, sie auf das zur Verteidigung der Rechte des deutschen Judentums notwendige Maß zu beschränken. Die dadurch freiwerdenden Mittel sollen zur Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Position des deutschen Judentums eingesetzt werden, also für Siedlungszwecke, Kreditgenossenschaften, Berufsausbildung, soziale Fürsorge usw. Nur durch diese konstruktive Arbeit ist eine ausreichende Sicherung gegen alle Wechselfälle des Schicksals zu erreichen. 5. Das deutsche Volk soll in einer anderen Form als bisher über die wirkliche Situation des Judentums aufgeklärt und für seine Arbeiten interessiert werden. In einer Zeit, in der die Judenfrage eine schwere Belastung der deutschen Politik bildet, muß es möglich sein, weite Kreise ernsthaft dafür zu gewinnen, an den Selbsthilfemaßnahmen des Judentums mitzuwirken. Dazu gehören vor allem Reichs-, Länder- und Gemeindebehörden, aber keineswegs nur Behörden. Das deutsche Komitee pro Palästina ist ein lebendiges Beispiel dafür, welche Möglichkeiten in dieser Richtung bestehen. Die Judenfrage ist ein Problem für. die gesamte zivilisierte Menschheit, das der Zionismus politisch, sozial und geistig zu lösen versucht. 6. Der Zionismus als nationale Bewegung des jüdischen Volkes ist weder liberal noch orthodox, weder antiliberai noch antiorthodox. Er betrachtet sich als Hüter des gesamten jüdischen Kulturgutes, des religiösen wie des" weltlichen. Dagegen wendet er sich gegen den schrankenlosen Subjektivismus und Individualismus auf allen Seiten, mit dem jeder berechtigt zu sein glaubt, dem Judentum einen eigenen Inhalt und eine besondere Note zu geben. Der Zionismus bekämpft Liberalismus und Orthodoxie nur dort, wo sie als politische, antizionistische Bewegungen auftauchen. Ohne die Rettung der physischen und geistigen Substanz des jüdischen Volkes in Palästina wird es binnen kurzem keine Inhalte des Judentums mehr geben, da diese Substanz im Schwinden begriffen ist.. Wer sie rettet, rettet das Judentum, — und Judentum im geistigen Sinne ist nicht fortzupflanzen, ohne daß das jüdische Volk lebt und imstande ist, kulturschöpferisch tätig zu sein. „Der Zionismus vergißt über dem Judentum nicht die Juden, über den Juden nicht das Judentum.'4 Er verlangt von dem jüdischen 'Individuum Unterwerfung und Eingliederung, weil nur so für die Gesamtheit Freiheit der Existenz und des Handels zurückgewonnen werden kann. 290