Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 28 (1931)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1931)
- Date
- 1931-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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als ' -atz „eine durchaus lebenstüchtig ktrin" (als List der Schwachen) ges, ifen. Es ist „die jüdische Humanität", welche zu einem „passiven Heroismus" und zu einer Paralysierung aller staatsschöpferischen und staatspolitischen Kräfte führt. Diesen zentralen Punkt seiner Argumentation interpretiert er dann nach verschiedenen Richtungen hin; er spricht von einem „gnadenlosen Humanitätsideal", welches den Inhalt des Judentums ausmacht und wodurch der Jude „geschichtsfremd" geworden ist und überhaupt „kein Verständnis für geschichtliche Realitäten" hat. Es sei so unmöglich, einen Staat mit geschichtslosen Menschen — mit Fellachen — (im Sinne des Spengler'schen Begriffs) zu errichten. Schon diese kurze Umreißung der Grabowsky'schen Analyse macht es klar, daß diese als die Geschichtsphilosophie des Judentums bezeichneten Bewußtseinsinhalte das Wesen einer bestimmten Auffassung des Judentums ausmachen; es ist die insbesondere von dem deutschen Assimilationsjudentum des 19. Jahrhunderts entwickelte und heute noch (wenn auch in modifizierter Form) vertretene Ideologie des humanitären Liberalismus. Insofern gibt der Aufsatz Grabowsky's Veranlassung, sich mit dessen Gedankengängen unter dem Gesichtspunkt „Zionismus und Liberalismus" auseinanderzusetzen, wobei wir uns an dieser Stelle darauf beschränken müssen, lediglich einige grundsätzliche Elemente des liberalen Denkens herauszuarbeiten. Es ist klar, daß mit dem ideenhaften Bewußtsein des jüdischen Liberalismus, mit der These, daß „der Glaube unser Jerusalem ist" (Stephan Zweig) oder daß „das gegenwärtige Jerusalem für uns eine poetisch, wehmütige Erinnerung, ein Gedanke und keine Geistesmehrung ist" (Abraham Geiger), machtpolitische Elemente ni entwickelt werden können. Es ist klar, daß mit diesem Humanitätsideal des jüdischen Liberalismus, wonach „das Judentum der letzte Hort der Humanität ist, ihr letzter Schutzwall vor dem Anmarsch der neuen grauenhaften Barberei des Nationalismus" (Jacob Wassermann)2) ein machtpolitisches, ganz auf sich selbst bedachtes und seine Interessen wahrnehmendes Staatsgebilde niemals entfaltet werden kann.3) Hierüber gibt es keine Meinungsverschiedenheiten, zumal der jüdische Liberalismus, soweit er zu der Kolonisationstätigkeit in Palästina Stellung nimmt, diese nur insoweit bejaht und unterstützt wie sie auf völlig unpolitischer eben philanthropischer Basis vor sich geht. Aber hier setzt ja gerade die Gegenbewegung des politischen Zionismus ein, der Versuch mit rein poli- 2) Diese Zitate sind nicht willkürlich zusammengestellt, sondern sämtlich einer Wahlsondernummer der „Jüdisch liberalen Zeitung" (vom 17.11.30) sowie dem berühmt gewordenen Flugblatt der liberalen Liste 1 mit den Abbildungen von Moses Mendelssohn, Abraham Geiger, Hugo Preuß entnommen. Die ungebrochene Wirksamkeit dieses jüdisch-liberalen Gedankenguts in der Gegenwart, sowie der Wesensinhalt der Argumentation Grabowskys mögen durch diese aktuelle Begebenheit noch besonders beleuchtet werden. 3) Gerade dieser Gedankengang, welcher die entscheidende Antithese innerhalb der Problematik „Zionismus und Liberalismus" darstellt, war der eigentliche Inhalt einer vor kurzem veranstalteten Aussprache über „Deutsch-jüdische und. nationaljüdische Anschauung" mit Ludwig H o 11 ä n d e r und Kurt Blumenf e 1 d als Vertretern der beiden Positionen. Ueber den Verlauf dieses „kontradiktorischen Abends" findet 274