Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 28 (1931)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1931)
- Date
- 1931-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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ken ansetzen und von hier aus fragen müssen, wie weit und weshalb eine jüdische Situation dafür verantwortlich zu machen ist. Noch ein zweiter Gedanke findet sich bei Nathansen. Auch er ist uns geläufig; es ist die zionistische Folgerung aus dem ersten. Hätte nämlich Brandes, meint Nathansen, das Bedingte und Unzulängliche seiner Verstandeskultur tief im Gefühle jüdischer Zusammengehörigkeit verstehen können, ,,so würde er vielleicht den Mittelpunkt gefunden haben, von dem aus er eine Welt bewegen konnte". Aber das ist schon sehr fraglich; ich wenigstens glaube es nicht. Ich glaube umgekehrt, daß die persönliche Unzulänglichkeit", die das Werk von Brandes kennzeichnet, auch der Grund dafür gewesen ist, daß es Nathansens jahrelangen Bemühungen versagt blieb, bei Brandes auch nur eine Spur von Verständnis für das jüdische Grunderlebnis zu erzielen. Denn er hat sich nicht nur dagegen gesträubt (er hat nach der Balfour-Deklaration sogar äußerlich nachgegeben); er hat es wirklich nicht verstanden. Er konnte es nicht verstehen. Bei Nathansen findet sich ein bezeichnender Satz, den über den geliebten Mann niederzuschreiben ihm schwer gefallen sein muß; ein Satz, der, über einen Schriftsteller gesprochen, ein. Todesurteil ist; er lautet: „Vertiefung war nicht. sein Ziel, das innere Leben nicht seine Welt. Deshalb wirkt sein eigenes Leben und wirkt sein Werk . . . perspektivelos für die Seele." Und wenn nun Nathansen nicht unterlassen hätte, diese Behauptung (wie alle seine übrigen auch) durch das Werk zu belegen, dann hätte man eine feste Grundlage zur Beantwortung der Frage, ob die Traditionslosigkeit des jüdischen Europäers, das negative Judentum also, diese Seelenlosigkeit oder ob hier nicht umgekehrt ein persönlicher Mangel das jüdisch Negative bedingte. Trifft Nathansens Satz zu — und auf das, was ich von Brandes kenne, trifft er zu —, dann handelt es sich hier gar nicht mehr um die allgemein interessierende Frage, wieweit die Verdrängung des Jüdischen auf die seelischen Triebkräfte hemmend einwirkte, sondern um das ganz persönliche Problem eines Mannes namens Brandes, der nicht zureichte. Denn ist sein Werk wirklich ganz und gar ,,perspektivelos für die Seele", dann war auch niemals etwas vorhanden, das zusammen mit dem Judentum gehemmt und verdrängt wurde. Nathansens zionistische Tendenz also, nach der die Wiedergewinnung des Judentums den ganzen Brandes voraussichtlich auf eine höhere Ebene gehol -n hätte, verliert so durchaus an Schlagkraft. Und das ist aufs höchste bedauerlich bei einem Buch, das nach Thema und Verfasser besonders geeignet gewesen wäre, unsere Gedanken in weite Kreise zu tragen. So unsauber und verwaschen wie das ganze Buch, ist für mich auch die Fragestellung: Jude oder Europäer. Wenn man den Juden nicht einem bestimmten Volk, sondern Europa schlechthin kontrastiert, dann müßte man schon wie Buber den Juden als Orientalen dem abendländischen Menschen überhaupt gegenüberstellen. Davon ist keine Rede bei Nathansen, er deutet das nicht einmal an. Sein Problem ist einfach das Problem des Juden in einem bestimmten nichtjüdischen Kulturkreis; es müßte also in diesem Falle „Däne oder Jude" heißen. Was ist denn ein Europäer? Es gibt keine Europäer ohne bestimmtes Volkstum. Der Begriff „Europäer" verlangt nur, daß dies Volkstum durch 272