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Der jüdische Student · 1931-08-01 · Heft 8-9 (August 1931) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
28 (1931)
Issue
Heft 8-9 (August 1931)
Date
1931-08-01
Page
[Seite] (sequence 25)
Language
German
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nun allerdings durch den individuellen Geist des Porträtierten ihre besondere Form erhalten. Und richtig ist es, daß dieser individuelle Geist sich wieder auf allgemeinere Bestimmungen, in diesem Falle also auf das jüdische Element (als ein rein formales Prinzip) zurückführen läßt. Dies Verfahren, das einzig mögliche, würde also zunächst verlangen, daß der Schriftsteller Brandes in seine Zeit und seinen Raum gestellt wird; es wäre demnach in erster Linie etwas auszusagen über jene europäischen Geistesströmungen der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, die das Material von Brandes gebildet haben, und es wäre dann an Hand seines Werkes zu fragen, was er davon ergriffen und wie er es ergriffen hat. Lediglich auf das Werk kommt es an, dessen Verständnis allerdings durch Lebensdaten und aufschlußreiche Erinnerungen nachgeholfen werden darf. Und bei der Betrachtung dieses Werkes, bei der Darstellung dessen, was ihr Verfasser gesehen hat und wie er es gesehen hat, konnte schließlich zur Erklärung auch das jüdische Element herangezogen werden. Da mag dann sogar der Autor freie Hand haben, sich in tausend Weilen zu verlieren. Denn es handelt sich cm ein sehr diffiziles, exakt nicht meßbares Terrain, das der individuellen Auslegung alle Tore öffnet. Und da mag man dann auch mit ihm streiten, aber es wräre doch wenigstens die Ebene geschaffen, die eine fruchtbare Erörterung überhaupt ermöglicht. Statt dessen ergeht sich Nathansen in wirren Feuilletons. Wer an das Buch heranginge, ohne zu wissen, wer Brandes überhaupt ist, würde schließlich aus einer Reihe äußerer Details entnehmen können, daß es sich wohl um einen Schriftsteller handeln muß, aber was der Mann eigentlich geschrieben hat und wehüer Art es war, das bliebe ihm bis zun Schluß fast ganz verborgen. Stätt dessen wird ein ziemlich einfacher Gedanke, den wir uns an den Schuhsohlen abgelaufen haben, zweihundeitfünizig Seiten lang umschmust. Brailles nämlich erscheint hier als deT intellektuelle Rationalist, als der Prototyp jener Verstandeskultur, die auf Zeit, Entwicklung, Freiheit und Fortschritt beruht und die nichts vm den tieferen seelischen, im Erdboden wurzelnden Kräften weiß. Wahrscheinlich ist das auch ganz richtig. Mer dieser Gedanke, den wir auf -aane ganze von Juden betriebene Litemturgattung mit Recht anzuwenden gflegen, dieser Gedanke für sich ist nichts. Alles wäre darauf angekoimren, ihn zu belegen: nämlich durch das Werk darzutun, was so ein intdlbktueller Jude von der Geisteswelt gesehen und was er daraus gemacht häX Schon die Tatsache, daß Brandes nicht Gelehrter, aber eigentlich ainfi nicht Künstler, daß er in Wahrhaft ein verhinderter Künstler war, dardeshalb einen gelehrten Stoff ergriff, um ihn künstlerisch zu verarbeiten, ist äußerst aufschlußreich. Er gemxte in jenes merkwürdige Zwischemeich zwischen Wissenschaft und Didrtung, dessen Bedingungen noch nicht erforscht sind und das eine vorwiegend jüdische Domäne ist. Hier ist ein Künstlertrieb wirksam, der doch nixhts aus sich selbst heraus gestalten Hann. Man erzählt von einem Talmuüsten, er sei in den Himmel gekomrran und dort vom lieben Gott gefragt worden, was er eigentlich könne, uidJ er habe geantwortet: „Sage mir ^&vas, und ich will es Dir widerlegend Das ist die Formel für eine ganze Literaturgattung, in die auch Braides gehörte. Hier hätte Nathansen sssinen Gedan- 271

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