Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 28 (1931)
- Issue
- Heft 8-9 (August 1931)
- Date
- 1931-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3537599-3537820-3537826--8090-3546143- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Völkerrecht — zionistische Politik — Staatspolitik in Palästina Von Ernst M a r c u s. Vorbemerkung des Verfassers: Der Verfasser übergibt diesen vor dem Kongreß geschriebenen Aufsatz, der für die große zionistische Oeffentlichkeit bestimmt ist, der Zeitschrift des Kartells. Angesichts der erschreckenden Oberflächlichkeit und Leichtfertigkeit, mit der auch in politisch maßgebenden Kreisen die einzelnen Probleme unserer Politik, insbesondere die eine gewisse Fachkenntnis erfordernden, behandelt werden, erscheint es ihm wertvoll, zu versuchen, das K.J.V. zu einer, jenseits der Parteipolitik liegenden, in die Tiefe gehenden Beschäftigung mit diesen Fragen anzuregen. Damit würde s. E. nicht nur eine politische Durchbildung der Bundesbrüder gefördert, sondern vor allem auch der geistigen Demoralisierung gesteuert werden, die einfe unernsthafte und kleinliche Parteipolitik in unsere Reihen getragen hat. Sie droht die Fähigkeit, selbständig zu erkennen und zu urteilen» ganz zu vernichten, sie schafft eine Generation von politischen Spießern schlimmster Sorte. Als bedauerliches Symptom soll in diesem Zusammenhang die Verständnislosigkeit hervorgehoben werden, die zionistische Fachliteratur vor allem in zionistischen Kreisen findet. Nicht die andern, wir selbst beleidigen sie durch interesselos bleibende Ignoranz. In einer Zeit, in der die zionistische Presse infolge des Parteikampfes nicht imstande ist, gesunde Wertmaßstäbe zu schaffen — die tendenziöse Besprechung des Buches von Josef Cohn, die ohne jedes Fach Verständnis geschriebene Rezension eines französischen Mandatsbuches von Baumkoller, in der noch auf verhältnismäßig hohem Niveau stehenden „Jüdischen Rundschau* sind lebendige Beweise aus den letzten Wochen —, erwachsen der Erziehung des Kartells in dieser Richtung seine ganze Wachsamkeit und Kraft beanspruchende Aufgaben. Die Skepsis gegenüber dem Wert der einst so begeistert begrüßten völkerrechtlichen Vereinbarungen der Balfourdeklaration und des Mandatsvertrages, die die in wichtigen Punkten mangelhafte Durchführung des Mandates bewirkt hat, ist heute fast allgemein. Sie äußert sich sowohl in resignierter Gleichgültigkeit wie in willkürlichen Auslegungen von Mandatsbestimmungen auch durch führende Politiker unserer Bewegung. Diese Entwicklung wäre belanglos, wenn nicht die zionistische Politik jetzt und für absehbare Zeit in ein schweres Ringen um die Erfüllung des Mandats verwickelt wäre, das nur bei richtiger Bewertung unserer rechtlichen Position erfolgreich sein kann. Der Gefahrenpunkt ist erreicht. Weitere Häufung von Fehlern kann verhängnisvolle Folgen haben, und es kommt alles darauf an, daß dem zionistischen „maa of the street unumgängliche Erkenntnisse eingehämmert werden. Freilich — zuerst den Führern! Es ist nicht absehbar, wieviel durch Dilettantismus unserer höchsten Stellen bereits bei Abfassung des Mandatstextes unserer rechtlichen Position geschadet worden ist. Eine Prüfung der zionistischen Entwürfe für das Mandat ergibt das nur zu deutlich. Dieser Dilettantismus wirkte sich im Verlaufe der politischen Verhandlungen, die die Mandatsinterpretation zum Gegenstand 254