Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 28 (1931)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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Ich müßte noch von so vielem sprechen; aber ich habe Euch wahrscheinlich schon zu lange hingehalten. Wie viele werden überhaupt diese langen Expektorationen lesen? Aber wenn unsereins schon einmal über seine Arbeit zu reden anfängt, dann könnte er unaufhörlich sprechen. 15 Jahre sind hier eben zwei- und dreimal mehr als irgendwo anders. Nur von der Penimiah, vom Internat will ich noch ein paar Worte sagen. Sie ist eigentlich Ausgangspunkt gewesen, daß ich nach all den Enttäuschungen noch einmal zu Euch zu sprechen wagte. Wir haben ein Institut geschaffen, dem ein Jude von draußen unbesorgt seine Kinder anvertrauen kann; ihr körperliches, geistiges und sittliches Wohlsein ist sichergestellt. Sie können von unserer Schule direkt eine europäische oder amerikanische Universität besuchen. Und sie werden Juden und Palästinenser sein. Wir bekommen immer mehr Kinder aus dem Lande. Bis zu den Unruhen und der Wirtschaftskrise hatten wir viel amerikanische Kinder. Von deutschen Kindern haben wir nur, jetzt schon den zweiten Sohn von Willy David in Berlin. Ostjüdischen Eltern in Amerika, die ja dort auch gute Schulen haben, die sogar ihre Kinder dort gut hebräisch erziehen können und die wohl fünf- und. sechsmal so weit entfernt sind wie Ihr, brennts doch wohl mehr auf den Nägeln, ihre Kinder zu Juden und Palästinensern zu erziehen. Warum solltet Ihr jüdische Akademiker Deutschlands egoistisch um Eure Kinder bangen und Euch nicht das Glück vor Augen halten, das Ihr ihnen gebt, wenn Ihr sie fern vom deutschen Antisemitismus frei und ganz erzieht? So bin ich unmerklich von der Darstellung zur Agitation abgeglitten. Und der Agitation soll ja auch dieser Artikel dienen. Wir sind im Lande nicht durchweg beliebt, Ihr werdet auch viel Ungünstiges über uns hören. Unseren deutsch-jüdischen Proletariern, oft in der gemächlichen Ruhe eines gesättigten Stadtdaseins — beileibe nicht den Leuten im Emek, mit denen wir ganz nahe Fühlung haben — sind wir nicht radikal genug, sind wir zu bürgerlich. Vielen im Lande ist unsere kategorische Forderung nach Höchstleistung und schärfster Kontrolle nicht sympatisch. Harte Forderungen an den einzelnen machen weniger beliebt als glänzende Prinzipien. Glücklicherweise fangen wir an — ich lenke zu den Anfängen zurück — bei unseren Schülern populär zu werden, sie beginnen uns zu verstehen, beginnen einzusehen, worum es geht. Ich bin glücklich, daß ich das heute sagen darf. Und daran arbeiten wir: Im Laufe von Generationen neue Menschen zu erziehen, die hart geworden sind in ihren Forderungen an sich selbst und die wissen, warum sie es sein müssen. Ohne die Kraft des Ideals kann auch der versittlichte Alltag nicht leben. Weil wir nicht populär sind, weil es unsere Aufgabe ist, noch für Jahrzehnte unpopulär zu sein, weil wir immer kompromißloser, immer härter fordern müssen, darum wende ich mich an Euch: helft mir! Ich habe jenseits Eures Kreises ein paar Freunde in Deutschland, die mich verstehen, die wissen, was ich tue. Schließt Euch ihnen an. Ich komme von Euch, ich verwirkliche auf hartem Boden Bestes, was wir einst Ideal neuer jüdischer Männlichkeit nannten. Glaubt mir, wir sind hart vor dem Zusammenbrechen. Krojanker und Weil können Euch davon erzählen. Lastet nicht auf Euch die Verantwortung, daß Ihr einem von Euch nicht geholfen habt, der nicht von einer Arbeit spricht, die erst gemacht werden soll, der vor Euch Rechenschaft ablegt über 15 Jahre nicht ganz erfolgloser Arbeit in Palästina. Arthur Biram- 182