Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 28 (1931)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Die ihn emporführten, glaubten an die Unfehlbarkeit der Wissenschaft, mehr noch, sie glaubten an ihre zielsetzende Kraft- Sie glaubten an unausweichliche materielle Menschheitsgesetze und an ein mechanisches Erdenglück. Nun aber beginnt selbst die Wissenschaft zu erkennen, <kß ihr vollkommenstes Gewebe dem Willen nichts anderes sein kann als den Wanderer «ine vortreffliche Landkarte: da liegt ein Gebirgszug, ein Fluß, eine Stadt, ein Meer; wende ich mich rechts, so gelange ich hierhin, links dmthin; dieser ist der kürzere Weg, jener der ebnere; hier herrscht Fülle, dort weht Bergluft; hier ist Freiland, dort Zivilisation. Welcher Pfad mir aber vxngeschrieben ist, wohin mein Herz, meine Pflicht mich zieht, kann ein Kaitfenblatt mir nicht sagen. Wissenschaft mißt und wägt, beschreibt und erklaxt, aber sie wertet nicht, es sei denn nach dem Maßstabe konventioneller Säfcung. Ohne Wertung und Wahl aber besteht kein Ziel und da alles vernünHge Handeln Zielen und Polen zustrebt, so ergibt sich abermals, daß über sües menschliche Geschehen das Herz entscheidet. In dem zwangsläufigen Abrollen, das die materielle Geschicäffeauffassung -dem Weltgeschehen aufzwingt, hat der Wille des Herzens loahen Platz; ändert sich die mutmaßliche Wertungsfolge der Menschheit, wie sb sich stets •geändert bat, so muß der blinde Mechanismus, unaufhaltsam forlkufend, den "Willen der Menschheit seinem eigenen Widerspiel entgegenscHfeudern. Ziele setzen heißt Glauben. Doch das ist kein echter Glatfie, der, aus Wunschumkehrung einer zeitlichen Not stammend, das Bestehenrb verneint, tun die Weltordnung in eine Maßregel zu verwandeln. Echter Glaa.be stammt aus der Schöpferkraft des Herzens, aus der Phantasie der Liebje,; er schafft Gesinnung und ihr folgt willenlos das Geschehen. Niemals wirü Gesinnung -durch Einrichtungen erlistet; und weil der Sozialismus um Errichtungen kämpft, bleibt er Politik; er mag Kritik üben, Mißstände beseiten. Rechte gewinnen: niemals wird er das Erdenleben umgestalten, denn (fiese Kraft gebührt allein der Weitanschauung, dem Glauben, der transzenffenten Idee. Wird die Unzulänglichkeit des Sozialismus evident, so möjpai dennoch sich die nicht freuen, die aus bequemer Neigung zum Bestehenden, aus Furcht vor Opfern und aus Trägheit des Herzens ihn bekämpfen. Die Opfer, weiche die kommende Zeit verlangt, sind härter, der Dienst äst mühevoller, der äußere Lohn geringer als im sozialen Reiche, damn es wird mehr als Verleugnung materieller Werte verlangt. Ueber ihr steht Verleugnung unserer liebsten Eitelkeiten, Schwächen, Laster und Passönen, über ihr steht die Pflicht zu Empfindungen und Taten, die wir heute theoretisch preisen und praktisch verhöhnen; über ihr steht die schwere Erlaamtnis, daß wir nicht zum Glück streben, sondern zur Erfüllung, daß wir nicht um unsertwillen leben, sondern um des Gottes willen. Dennoch wird die Menschheit diesen Weg gehen, nicht waaT sie muß, sondern weil sie will; weil es von der Erkenntnis des. Glaubens &ein Zurück gibt, weil die Seligkeit des göttlichen Wollens sie ergreift. Skr wird ihn gehen durch Feindschaft, Hohn und Verfolgung, und es wird ihr dk schwerste Prüfung nicht erspart sein, daß sie bezichtigt wird von denen, die sie zu erlösen schreitet und die ihr bittere Strafe und heilige Entsühnung für getanes Unrecht verhängen. Undank wird ihren Weg segnen, Mühsal wbd ihn be- 167