Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 28 (1931)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3537599-3537820-3537824--7990-3546041- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jeder Jude ist durch seine ökonomische Lage zwangsläufig in eine der Fronten gestellt, jede politische oder ökonomische Handlung bedeutet Klassenkampf, ob er gewollt ist oder nicht. Jeder jüdische Kaufmann oder Industrielle ist ein Nutznießer und Beschützer des"^ herrschenden Kapitalismus, wenn er seinen Arbeitern und Angestellten das durch Schiedsspruch * erzwungene Gebalt bezahlt; und er kann sich beim besten Willen von diesem Lohn- und Genaltsniveau nicht wesentlich nach oben entfernen: die Konkurrenz läßt es nicht zu. Jeder jüdische Arbeiter oder Angestellte ist gezwungen, in seinem Kamp! um bessere Lebensbedingungen oder um einen sozialistischen Aufbau der Gesellschaft praktisch Klassenkampf zu treiben; er muß den Streit mit den Vertretern des Kapitalismus führen, also auch mit dessen jüdischen Vertretern, Diese Situation, der man nicht entrinnen kann, muß endlich einmal klar erkannt werden, um von unserem besonderen jüdischen und zionistischen Standpunkt aus richtig zu ihr Stellung nehmen zu können. Die Auseinandersetzung zwischen dem Sozialismus und dem Kapitalismus geht bei allen anderen Völkern in klaren Fronten vor sich, weil zwischen den Vertretern der beiden Gruppen keinerlei gemeinsame Interessen mehr bestehen. Die abnorme Lage des jüdischen Volkes bringt es mit sich, daß es in seiner Gesamtheit einem bestimmten gemeinsamen Schicksal unterworfen ist, das eine besondere Sphäre gemeinsamer Interessen schafft. Die Juden stellen in der ganzen Welt nationale Minoritäten dar, und man kann deutlich im großen und ganzen eine für alle Juden charakteristische Entwicklung feststellen. Es war durchaus nicht immer so; aber heute lebt — wenn man von Rußland absieht — die übergroße Mehrheit von Juden in Ländern von ausgesprochen kapitalistischer Struktur. Heute ist ein gemeinsames Merkmal der Juden die deutlich feststellbare Tendenz ihrer ökonomischen Entwicklung in der ganzen kapitalistischen Welt: Mit wachsender Geschwindigkeit vollzieht sich ein Prozeß der Verdrängung der Juden aus allen Positionen, deren sie sich so sicher dünkten. Die Wurzeln dieser Erscheinung sind sehr verschiedener Natur. Die unverkennbaren nationalen Unterschiede und Spannungen zwischen Juden und Majoritätsvölkern erlauben es den Juden sowieso nur, ganz bestimmte Berufe zu ergreifen, die durch die wirtschaftliche Entwicklungsstufe der Umwelt gegeben sind. Ich brauche nur auf die Rolle der Juden in der frühkapitalistischen Epoche hinzuweisen. Mit den wachsenden Schwierigkeiten und Widersprüchen in der heutigen ökonomischen Welt setzt ein ungeheuer erbitterter Konkurrenz- und Klassenkampf ein, unter dem zwar alle leiden, der für die Juden aber weitgehende Zerstörung aller ihrer Positionen bedeutet. Sie haben nicht nur die Folgen dieses Kampfes wie alle anderen zu ertragen, sondern sie bekommen sie dadurch verstärkt zu fühlen, daß sie als Mittelstandsschicht die verhältnismäßig schwächste Front im ökonomischen Kampf und Klassenkampf darstellen. Der verschärfte Konkurrenzkampf ruft die übelsten antisozialen Instinkte in breiten Schichten hervor: Das von der Assimilanz aller Schattierungen und Klassen überwunden geglaubte Gespenst des Antisemitismus erhebt wieder frech und schamlos sein Haupt. Wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Antisemitismus machen den breiten Massen der Juden das Leben zur Hölle, bedrohen ihre Existenz, vergiften ihnen das seelische Dasein. 161