Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 28 (1931)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Keine geringe Rolle spielen bei <lieser widerlichen Erscheinung weite Kreise der nichtjüdischen Finanz-, Industrie- und Kirchenwelt- Der Antisemitismus erscheint ihnen als ein sehr geignetes Instrument zur Ablenkung des Kleinbürgers und Arbeiters von dem bedrohlich anwachsenden Klassenkampf. Man studiere das ausgezeichnete Buch von A. Lindner (Leo Motzkin) über die Pogrome in Rußland, man studiere ohne Voreingenommenheit die Entwicklung des Nationalsozialismus, und man wird sich über die schrecklichen Folgen dieser elenden Haltung klar werden. Den besitzenden Schichten der Juden, die in dem Kampf um ihre ökonomische Position eben diese Kreise als ihre natürlichen Verbündeten ansehen* sollte das sehr zu denken geben. In der entscheidenden Phase des Klassenkampfes werden sie zuerst fallen gelassen werden. Diese Situation bestätigt die pessimistische zionistische Feststellung: Die Juden sind auch in der Gegenwart nur Objekt, nirgends Subjekt der Entwicklung. Es gibt also ein gemeinsames Schicksal der Juden: im Galuth Sklaven einer Entwicklung zu sein, die sich immer gegen sie richtet; — und eine gemeinsame Aufgabe; diesem Schicksal zu entrinnen, wieder Herren ihrer Entwicklung zu werden; — und einen gemeinsamen Weg, diese Aufgabe zu lösen: den Zionismus. Zwei Probleme gibt es also im Judentum: die soziale Frage und die Judenfrage. Beide sind von derselben Dringlichkeit,., aber die Lösung der einen der beiden schließt die Lösung der anderen nicht in sich ein; denn sie sind grundsätzlich verschiedener Natur, sie befinden sich auf verschiedenen Ebenen. Diese einfache Ueberlegung ist leider auch in weiten Kreisen des Zionismusnoch nicht ganz begriffen worden. Es ist eine traurige Wahrheit, daß sich die Existenz eines Teiles extrem rechtsstehender zionistischer Gruppen nicht aus zionistischen Notwendigkeiten ableiten läßt, sondern aus sehr gewöhnlichen egoistischen Klasseninteressen. Weiter liegt hier die Quelle für manche eingebildeten Konflikte, die einige unter unseren sozialistischen Menschen beunruhigen und quälen.^ Hier ist auch der Ursprung der falschen Antithese: Zionismus — Kommunismus. Allerdings: im Bereich der politischen Tagesfragen gibt es eine große Reihe von Spannungen und Interessengegensätzen zwischen dem Zionismus und' Kommunismus. Für einen fiktiven überparteilichen Menschen wäre es interessant festzustellen, wie sich auch in diesem praktischen Kampf die besondere, einzigartige Lage des jüdischen Volkes enthüllt. Für den sozialistischen Zionisten hat dieser nichtgewollte Kampf eine besondere Tragik. Aber gerade diese Schwierigkeit muß ihm Ansporn sein, mit voller Kraft zur Lösung der Judenfrage beizutragen. Allein die gelöste Judenfrage macht ihn wieder zum freien Herrn seiner sozialen Entwicklung, und wenn der siegreiche Sozialismus den „Sprung aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit bedeutet, so ist es eben die gelöste Judenfrage, die auch dem Juden diese Tat möglich macht. Die sozialistische Ideologie hat in bezug auf die Judenfrage seit Marx unter dem Druck der Entwicklung eine sehr bedeutsame Wandlung erfahren; davon scheinen lediglich die assimilatorischen Juden im Sozialismus, die sich in dieser Hinsicht sehr wenig von ihren Feinden liberaler Observanz unterscheiden, nichts zu wissen. Die Judenfrage wird auch im Sozialismus als eiae: