Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 28 (1931)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1931)
- Date
- 1931-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3537599-3537820-3537823--7946-3545996- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ziehung wird a&er nicht darin, bestehen, unseren Bundesbrüdern das „gute Herz" als politisch ungehörig anzukreiden, sonfern sie mit den Tat- Aachen des Lehens der Menschen und der Menschengnippen vertraut zu machen und ibnasn persönlichen Mut, Entschlußfreudigkeit, bedachtes Handeln, Erlassen &s Augenblicks beizubringen. Die Grausamkeit scheint mir in dem ETziebunJasystem keinen rechten Platz zu &ien. Und völlig verfehlt wäre es, im Staatsleben von notwendigen GrausEmkeiten zu sprechen. Eine notwendig Grausamkeit ist eine contradictio in adjecto, wie der erste Abschnitt beweisen sollte, und eine andere Auffassung dürfte nur auf ungenauen Definitionen fußen. 3. Trotz dieser Ausführungen muß ich dem ©hrenwer&ai Lord zu einem großen Teil Rech! geben. Nicht nur die Fülle des historischen Beweismaterials deutet auf die zahlreichen grausamen Staatsgeschäfte,, die getätigt wurden, sondern es bestächt ja auch, daß unsere Gegen warft ein ähnliches Bild zeigt. Der Ü/ard hat vollkommen recht, unsere Skatsgeschäfte wimmeln von Grausam&Biten. Durch die geschichtliche Entwicklung ist es dazu gekommen, daß dem kleinen Grafen, dem Duodezfürsten, die Macht aus den Händen gewunfen wurde und das Faustrecht, sit venia verbb, auf die Staaten übeigfitg. Unsere heutige übliche Staatspolitik steht noch mitten in niittelsftterlichen Vorstellungen, und wir schieben ein gut Stück primitiver Barbarei darin mit. Während die Wirtschaft bereits in ihren großen Verbänden zu einer weitsichtigen Politik übergeht, mit den Energiequellen der Erde reckret und den Zeitfaktor der Jahrhunderte, der voraussichtlichen Dauer der Speicher, einzukalkulieren versucht, kleben die Lenker der Staaten noch' am Augenblick und freuen sich kleiner Momenterfolge, wobei sehr häufig das größere Morgen, zu Schaden kommt. ' Man versteht, daß bei derartiger Kurzsichtigkeit unnötige Leiden erzeugt werden. Soweit stimme ich Lord Halifax durchaus zu. Unsere Anschauungen trennen sich aber in dem Punkt, indem er das Wortchen „immer" in den zweiten Satz einschiebt. Wie kann man zu behaupten wagen, daß Staatsgeschälte immer grausam bleiben müssen? Nach solcher Auffassung würden wir uns heute noch der Sklaverei, der Folter und anderer Barbarismen erfreuen. Die \damaligen Menschen konnten sich sicher auch keine Welt ohne Sklaven, Gladiatorenspiele, ohne Daumenschrauben, Hexenverbrennungen vorstellen. Eine spätere Zeit wird gewiß mit Kopfschütteln und Schaudern über unsere Staatsbetriebe, von recbtloser Arbeitssklaverei, politischen Hexenverbrennungen, den sinn* losen Gladiatorenspielen alias Kriegen u. ä. berichten, (Nein, ehrenwerter Lord, ich habe auch kein allzugroßes Zutrauen zum guten Willen der meisten Menschen, aber die blanke ratio wird sie dazu führen, genau wie der äußere Zwang die Raubritter in die gemäßigte Bahn des Wirtschaftsführers brachte. Beileibe sind die Wirtscbaftsführer nicht durchgehend verspätete Raubritter, aber umgekehrt findet eine Raubritternatur in der Wirtschaft an fahrender Stelle noch das beste Betätigungsfeld, Pfeffersäcke auszuplündern und lohnende Fischzüge zu unternehmen. Es sei denn, der betreffende Herr widme sich speziell der Politik der Parteien oder gar des Staates. Und auch "hier muß ich zugeben, daß viele Politiker und Staatsleute echte Nachkommen der Piraten, Raubritter 118