Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 28 (1931)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1931)
- Date
- 1931-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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aller Menschen", die Versohiehtnig vornimmt und Harte meist unzutreffend als Grausamkeit ansieht. Nur wir selbst Ibrauchen nicht in den gleichen Fehler zu verfallen. Beide Aphorismen haben mehr oder minder genau darin Recht, daß das Leiben selten die Milde zeigt, die in der Vorstellungswelt von Jungfernkränzcheu und Betscbweeternkreisen ihren Platz hat. Staatsführung bedeutet um so mehr keine zuckersüße Wohltätigkeit, keine zerfließende Demut. Aber dafür gleich •Grausamkeit? Die zwingende Notwendigkeit des Lebens verpflichtet nirgends dazu. 2. Nimmt man aber den zweiten Satz des wohledlen Lords unter die Lupe, so stoßt man auf eine noch stärkere Oberflächlichkeit. Die Meinung, daß Gutherzigkeit gleich bedeutend mit Waschläppigkeit und Unentschlossenheit sei, ist allerdings verbreitet. Auch Mr. Bagehot macht sich das Leben leicht, indem er den notwendigen Härten im Leben die „zu nichts verpflichtende Milde" gegenüberstellt. Mit solchen Taschenspaelerkunststucken wird keinerlei Klärung erzielt, bestenfalls entsteht ein Bonmot, dessen Geistreichelei wirklich zu nichts verpflichtet. An die Spitze eines Staates gehören Menschen, die dem Leben, so wie es ist, ins Gesicht zu sehen wagen, auch im Anblick großen Elends und bitteren Zwanges ihre Entschlüsse fassen, Gutherzigkeit ist bestimmt kein Hinderungsgrund, der kühle Kopf das Haupt erforderliche. Wozu sollen aber die grausamen Herzen dabei gut sein, Wir wollen noch einmal auf die verstummelnde Operation zurückgreifen. Vollkommen zu Recht werden ja die Staatsaktionen mit Operationen verglichen, als Eingriffe* am kranken Staatskörper. Die Chirurgie ist kein Feld für zimperliche Naturen. Aber ich bin mir nicht im .geringsten) im Zweifel, ob unser Lord 5m eigenen Bedarfsfalle den „gutherzigen" oder den als .^grausam" bekannten Chirurgen in Anspruch genommen hätte. Nicht das „gute Herz", sondern mangelnde Entschlußkraft, Versagen der Nerven machen den Chirurgen zum Pfuscher. Die Nerven versagen keineswegs beim gutherzigen, im Gegenteil weit häufiger bei den entgegengesetzten Naturen. Wieviel Staatsmänner können den Anblick des Bluts, dessen Vergießen sie verschuldet haben, ertragen? Man sollte die grundverschiedenen Eigenschaften des Mutes und der Menschlichkeit, des tapferen und des guten Herzens, nicht immer durcheinander bringen;, sie liegen auf verschiedenen Ebenen und können nicht ohne weiteres verglichen werden. Um nur ein Beispiel von vielen zu bringen: einer, der die Bezeichnung Mann als Ehrentitel verdient und alle erstrebenswerten männlichen Tugenden, persönlichen Mut, Entschlußkraft, klares Handeln usf., zu dutzend Malen unter Beweis gestellt hat, Josef Trumpeldor. Man zeige mir aus Berichten über ihn und von ihm eine einzige Stelle, die auf Hartherzigkeit oder gar Grausamkeit schließen läßt. Das Gegenteil dürfte um vieles leichter sein. Wir wollen unsere Bundesbrüder zu Männern erziehen, ' lautet unser erster und wesentlichster Programmpunkt. Da wir gleichzeitig auf eine politische Erziehung abzielen, d. h, auf Menschen, die politisch zu denken und zu handeln vermögen, geht uns der Satz von Lord Halifax sehr viel an, — wenn man „Staatsmänner" zu dem Begriff des politischen Menschen ausweitet, aber Lord Halifax wird ja nicht nur die Beherrscher der geheimen Diplo-? matie gemeint haben. Unsere Er- 117