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Der jüdische Student · 1931-02-01 · Heft 2 (Februar 1931) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
28 (1931)
Issue
Heft 2 (Februar 1931)
Date
1931-02-01
Page
[Seite] (sequence 38)
Language
German
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einer starken, zielbewußten Vereinheitlichung aller Kräfte, die innerlich national-jüdisch im besten Sinne des Wortes waren. Es gab aber keine Führergeneration aus den schon geschilderten Gründen. Es gab nur eine Generation ganz alter Leute, die in den achtziger und neunziger Jahren Zionisten geworden waren. Dazwischen gab es die bösen Jahre der Revolution, der Reaktion und des Krieges. Die geschichtliche Rolle, die das deutsche Kartell in dieser Zeit, wenn auch nur indirekt, gespielt hat, zu übersehen, wäre ein fundamentaler Fehler, denn durch das K.J.V. und durch die Idee, die dem Kartell zugrunde liegt, kam der erste Zusammenschluß im Frühjahr 1922 zustande, der, wie ich glaube, für die Geschichte der Studentenbewegung in den baltischen Ländern ein Wendepunkt war. Im März 1922 ist von zwei KJ.V.ern, die in Deutschland ihre Erziehung genossen hatten, zusammen mit einem kleinen Kreis Rigaer Studenten die Gründung des V.J.St. Hasmonaea in Riga vorgenommen, die in den ersten Jahren der Entwicklung eine Verbindung des K.J.V., ideologisch, aber auch in bezug auf Methodik der Erziehungsarbeit, geworden ist. Es war zum erstenmal der Versuch gemacht worden, den nationalen Idealismus und die Selbstverständlichkeit des jüdischen Empfindens durch einen festen organisatorischen Rahmen zu einem besonderen Gebilde zusammenzufassen. Die ostjüdische Welt ist, politisch gesehen, ein labiles Gebilde gewesen. Nie war es ihr hier gelungen, vor dem Zusammenbruch des russischen Kaiserreichs ein staatsbildendes Element und ein Subjekt politischen Geschehens zu werden. Die Idee des Kartells hatte Gedankengänge fruchtbar gemacht, die wir in Deutschland unter dem abgedroschenen Begriff des „jüdischen Staatsbürgers" kennen. Der Jude Osteuropas wollte staatsbewußter Jude v/erden. Staatsbewußt in zweierlei Hinsicht: gleichwertiges Mitglied des Staatsgebildes, in dem er wohnte, und verantwortlicher Mitbürger eines jüdischen Volkes. Dieses zu erreichen war eine schwierige Aufgabe in einer Welt, die getragen war von zahlreichen Gegenströmungen, in einer Gemeinschaft, die keine Führergeneration besaß, und deren Kräfte durch jahrzehntelange Unterdrückung verkümmert waren. Gibt es eine bessere Parallele, als zwischen der italienischen Freiheitsbewegung und der Freiheitsbewegung der Judenheit? Innerlich korrumpiert und äußerlich bedrückt mußte eine Renaissancebewegung alle Fundamente neu schaffen, eine Jugendgeneration erziehen und sie zu einem verantwortlichen Handeln innerhalb der jüdischen und nichtjüdischen Welt vorbereiten. Die Grundsätze des K.J.V., die Erziehung zum staatsbewußten Juden, mußten in Osteuropa mit einer besonderen Betonung des Wortes „staatsbewußt", nicht, wie in Westeuropa, mit der Betonung des zweiten Wortes, geschehen, denn alles, was die Emanzipation an gutem besaß, und was die deutschen Juden hundert Jahre an guten Eigenschaften aus der Welt der europäischen Zivilisation übernommen hatten, das mußte in einer Generation aufgenommen, absorbiert und neu gestaltet werden, wenn nicht die ganze Jugend in dieser Auseinandersetzung mit der europäischen Kultur des 20. Jahrhunderts, mit der politischen Demokratie, mit dem sozialen Weltbild und mit der wirtschaftlichen Struktur dieser Welt zugrunde gehen 37

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