Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 28 (1931)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1931)
- Date
- 1931-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3537599-3537820-3537822--7895-3545944- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
für die Befreiung der jüdischen Masse und der ganzen russischen Nation von der Knechtschaft des Absolutismus gegeben. Der Zionismus war damals noch eine phantastische Bewegung ohne ernste politische Fundierung, eine Bewegung des Kleinbürgertums mit zum Teil stark religiösem Einschlag. Der Zionismus konnte damals nicht die Formen annehmen und die Bedeutung erlangen, wie später in der Nachkriegszeit, wo politische Aktionen, aber auch persönliches Eingreifen durch Chaluziuth zu einer konkreten Möglichkeit geworden waren. Vor dem Kriege und insbesondere in den neunziger Jahren (die die entscheidende Zeit für die ganze Entwicklung der jüdisch-intellektuellen Schicht in Rußland waren) war ja die Uebersiedlung nach Palästina als persönliche Tat — die Entscheidung für eine utopische Idee. Das wichtigste, die Auswirkung der persönlichen Tat (als Beispiel gegenüber der Umwelt gedacht) war nicht vorhanden, und gerade die Idee des persönlichen Beispiels war entscheidend für die Haltung der russischen revolutionären Intelligenz im Kampf gegen den Zarismus. War man Sozialist und Revolutionär, dann konnte man durch direkte Aktion und durch persönliches Beispiel die Welt verbessern. Diese Entwicklung hat die jüdische Gasse ziemlich lange von Intellektuellen frei gehalten. Es ist interessant, noch heute die Namen der Menschen zu verfolgen, die schon damals um die Jahrhundertwende führende zionistische Köpfe Rußlands waren. Man sieht, daß es keine intellektuelle Schicht gibt, die zwischen den alten Veteranen des ersten Zionismus und der Entwicklung der Nachkriegszeit als Zwischenglied mit den Geschicken des Zionismus verbunden wäre. Diese 20 Jahre scheinen in Osteuropa ein großer Versager zionistischer Aufklärungs- und Erziehungsarbeit zu sein, denn in dieser Zeit ist nichts geschehen, worauf die Jugend von heute aufbauen kann, und woraus sie echtes, nationales Empfinden und die Gesinnung eines jüdisch-politischen Menschen empfangen könnte. Gewiß war es eine böse Zeit, die Zeit der Revolution und einer entsetzlichen Reaktion des russischen Bürokratismus. In dieser Zeit scheint es, trotz Bemühungen einiger bedeutender Zionisten (man darf nicht vergessen, daß auch die Zeit des literarischen Wirkens Jabotinskis, der damals durch seine Feuilletons durchaus verstanden hat, Wege zu der jüdischen intellektuellen Schicht zu finden) nicht gelungen zu sein, zionistischen Nachwuchs zu schaffen. Zum Schluß kam dann der Krieg und die zweite Revolution. Wer diese zweite Revolution miterlebt hat, weiß, daß es keine gefährlichere Erscheinung in der jüdischen Gasse gab, als diese Revolution, die mit solcher Wucht zahlreiche jüdische Intellektuelle in den Strudel der neuen Politik, Demokratie und später des Kommunismus hineingezogen hat. Die Mehrzahl unserer Generation hat diese Zeit selbst miterlebt, und zwar gerade in der entscheidenden Epoche vom 16. bis 20. Lebensjahr. Ich weiß genau, wie diese Zeit auf meine Freunde, Schulkameraden und Studenten aus meiner Umgebung, gewirkt hat, wie man selbst diese Zeit als eine große, weltumwälzende Zeit ansah und dabei vergaß, daß es eine enge, vielleicht kleinere, aber eine durch urwüchsige Kräfte des Blutes verbundene Weit gab, deren Leiden kein Ende nehmen wollte. 35