Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 28 (1931)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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Lebens nicht kennt — ich will sie euch hier gewiß nicht erzählen. Denn ich will Euch durch diese Buchanzeige die Lektüre des meisterhaften Werkes unseres Bundesbruders Katzenstein nicht ersparen, sondern euch mit aller Ueberzeugungs- und Ueberredungskraft, deren ich fähig bin, zu ihr aufrufen. Es wird euch mit diesem Buche gehen, wie es mir gegangen ist: ihr werdet, wenn ihr einmal zu lesen begonnen habt, von ihm nicht mehr loskommen, und ihr werdet, wie ich, zum Schluß gar nicht mehr wissen: habt ihr eine Biographie, einen Roman, die Tragödie eines seltsamen, faszinierenden Menschen oder gar die Tragödie eines ganzen Volkes gelesen? Ja, das ist es: die Tragödie eines ganzen Volkes, unseres Volkes, die Darstellung seiner tiefsten Nöte, Sorgen, Schmerzen, Qualen, Peinigungen, seiner Sehnsüchte, Erwartungen, Hoffnungen, phantastischen Schwärmereien, mystischen Verzückungen an der Wende zweier Zeiten, in der es sich aus der Not der tiefsten Verzweiflung in den Glauben an den Anbruch der messianischen Zeit, in die mystische Schwärmerei eines chiliastischen Traumes rettete — all das hat uns Katzenstein mit seiner Biographie Sabbatai Zewis geschenkt. Gewiß, im Mittelpunkte dieser mit meisterhafter Kunst der Gestaltung geschriebenen Biographie steht das Leben und die Wirksamkeit des von sich selbst zum Messias erhobenen, von schwärmerischen Propheten verkündeten und von tausenden und abertausenden Juden gläubig erwarteten, als Messias anerkannten und verehrten Mystikers aus Smyrna, die Darstellung seines Werdens zum Messias, sein Wirken auf die Einzelnen und sein Hinauswirken in die große erwartungsvolle jüdische Welt, sein Kämpfen um diesen Einfluß und sein Zusammenbruch in der Entscheidungsstunde, in der die nackte Todesangst der Kreatur die menschliche Kleinheit des angeblichen Messias offenbarte, die Groteske der Flucht des „Königs der Juden" in den rettenden Schutz des Islam. Aber hinter all diesen biographischen Einzelheiten steigt als Hintergrund das Leben eines ganzen Volkes, unseres jüdischen Volkes, auf, wird dieses selbst mit all seinem Leid, seiner Sehnsucht und Hoffnung der Held dieser Tragödie. Ist das Absicht, ist um dieses Schicksals des ganzen Volkes willen das Buch geschrieben? Ich weiß es nicht, aber ich möchte es glauben, möchte es glauben um des ersten Kapitels willen. Denn hier entwickelt Katzenstein unter dem Titel „Sinngebung einer Zeit" eine Deutung des Diasporaschicksals der Juden, die zeigt, daß er nicht nur ein Dichter, sondern ein Historiker ist. Mit wenigen Sätzen wird hier der — schlechthin gelungene — Versuch unternommen, der Sinnlosigkeit der Diasporageschichte der Juden einen Sinn zu geben. Das aber ist ihr Sinn*, die Widersinnigkeit des Schicksals eines Volkes, das für seinen Besitz, seine Geistigkeit, seinen Glauben, sein Volkstum in der Diaspora keinen Ort, keine Heimat hat, das in der Gegenwart mit den Mitteln der Vergangenheit, das auf dem Boden des Okzidents, mit seinem Geiste im Orient lebt, der Widersinn dieses Schicksals hat sein Korrelat in Hoffnung, Glauben, Zukunftserwartung, in der Verknüpfung dieser Zukunft mit der immer lebendig gebliebenen Vergangenheit, im mystischen Glauben an das Wunder, das diese Vergangenheit restituiert. Dieses Volk wartet in jeder Stunde auf den Messias, muß auf ihn warten, und leiht gläubig dem sein Ohr, der sein Schicksal zu wenden, seine Vergangenheit zu restituieren verkündet. 36