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Der jüdische Student · 1931-01-01 · Heft 1 (Januar 1931) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
28 (1931)
Issue
Heft 1 (Januar 1931)
Date
1931-01-01
Page
[Seite] (sequence 36)
Language
German
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einer Zeit oder einem Volke in dieser Zeit die Richtung gegeben haben, vorübergegangen wäre. Denn mag die Judenheit als Kollektivum seit der Zeit ihrer Zerstreuung auch immer nur Objekt der Geschichte gewesen sein, so arm an Persönlichkeiten war sie doch nicht, daß nicht auch auf einzelne jüdische Individuen der Diasporageschichte das« Urteil zuträfe, daß sie ihrer Zeit oder ganzen folgenden Epochen oder dem Schicksalsablauf eines Volkes in einer Zeit den Stempel aufgedrückt und so den Anspruch erworben hätten, für die Deutung ihrer Zeit der Gegenstand literarisch-biographischer Erforschung und Darstellung zu werden. Jesus von Nazareth (Georg Brandes, Emil Ludwig), Benjamin Disraeli (Andre Maurois), Jud Süß (Lion Feuchtwanger) sind nur einige aus der Reihe dieser Persönlichkeiten jüdischen Stammes, deren Leben von Schriftstellern und Dichtern für würdig befunden wurde, Objekt der nachschaffenden und deutenden literarisch-biographischen Behandlung zu sein. Ich zweifele nicht daran, daß die literarisch-biographische Darstellung des Lebens dieser jüdischen Gestalten das* Wesen des jüdischen Individuums dem Verständnis der nichtjüdischen Welt, soweit sie guten Willens ist, das Wesen des Juden zu erkennen, und der jüdischen Welt, soweit sie dieser Form der Erkenntnismöglichkeit für die Einführung in jüdische Art bedarf, aufgeschlossen und nahegebracht hat. Aber ich zweifele daran, ob alle diese Biographien größeres Verständnis für die Juden als Kollektivum geweckt haben und wecken konnten. Denn alle diese Gestalten jüdischen Stammes, die bisher der literarisch-biographischen Annäherung an ein breites Publikum für wert befunden wurden, wirkten nicht aus der jüdischen Gemeinschaft heraus und nicht in diese hinein, waren Repräsentanten nicht jüdischer Lebensbezirke, in die sie aus dem jüdischen hinüber getreten waren, und ihr Leben konnte darum für die Deutung dieser, nicht aber für die Deutung der Strömung einer Zeit im Ablauf des jüdischen Geschichtsprozesses verwandt werden. Die große literarische Biographie eines jüdischen Menschen, dessen Leben dem geschichtlichen Entwicklungsgang der Judenheit so eng verhaftet ist, daß seine Darstellung zugleich und aus sich heraus zur Gestaltung und Deutung einer Epoche jüdischer Geschichte wird, hat uns bisher gefehlt. Wir haben sie jetzt: unser Bundesbruder Julius Katzenstein hat sie uns (unter dem Pseudonym Josef Kastein) mit seinem Werke „S a b - batai Zewi. Der Messias von Ismir" (Ernst Rowohlt Verlag, Berlin 1930) geschenkt. Ihr kennt alle die Figur des jüdischen Mystikers und Schwärmers Sabbatad Zewi aus Smyrna — als „falscher Messias", „Pseudomessias" wird er in unseren Geschichtswerken gewöhnlich abgestempelt —, der es um die Mitte des 17. Jahrhunderts vermochte, die jüdische Welt von einem Ende bis zum anderen durch die Verkündung in Bewegung zu setzen, daß die Zeit der Verheißung der Propheten, der Sammlung des Volkes im Lande seines Ursprungs, angebrochen, und daß er der Messias sei, dem die Aufgabe der Wiedervereinigung des zerstreuten Volkes zugefallen sei. Und wenn ihr die Einzelheiten dieser gewaltigen messianischen Bewegung, die von Sabbatai Zewi in den Jahren 1648 bis 1666 entfacht wurde, und den Ablauf seines 35

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