Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 28 (1931)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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schneidet ihm Fisch und Fleisch, schenkt ihm den Wein. Von jedem Gange der Rest wird unter das Volk verteilt, von des Rebben Hand geworfen, von den Alten und Aeltesten begierig erhascht, oft im Streite erkämpft. Die „Schirajim", Ueberreste, sind heilig. Zwischen den Gängen singen die „M'schorrim" die traditionellen S'miroth oder Melodien ohne Worte, zu denen getanzt wird — höchst primitiv, von einem Fuß auf den andern, den Körper wiegend zur Seite, nach vorn, zum Takt der händeklatschenden Gemeinde. Immer schneller, immer sehnsüchtiger, packend, zur Höhe ansteigend, wenn der Rebbe selbst in den Kreis der Tanzenden tritt. „Der Rebbe hat getanzt", ist das Ereignis des nächsten Tages, bietet dem armen, sonst so unfroh dahinlebenden Chossid Ersatz für Freuden dieser Welt, für Theater, Kino, Presse. Nie werden jiddische Chassidimlieder gesungen — sie stammen von den früheren „Misnagdim". Jenes einfache und doch so schöne: Als der Rebbe tanzt, tanzen auch alle Chassidim — uns als Niederschlag der Vergötterung des Wunderrebben erscheinend, stellt eine Ironisierung chassidischer Sitte dar. VI. Merkwürdiger Parallelfall zu deutschem Assimilantentum — die Bunddisten. Ziel ihrer Arbeit: Schaffung eines produktiven, in die sozialistische Front eingereihten jüdischen Proletariats. Objekt ihrer Tätigkeit: Die Enttäuschten, Verarmten, vor allem die Jugend. Ihre Erziehungsmethode: Weltlicher Arbeitsunterricht in jiddischer Sprache, marxistische Ideologie, Ausschaltung alles „Religiösen" oder „Antiquiert-Nationalen" (sämtliche jüdischen Feste, große Teile, besonders alter Geschichte, hebräische Sprache). „Wir sind interessiert an der Erhaltung nur des jüdischen Arbeiters, nicht des jüdischen Volkes." Schon historisch gewordene Konsequenz: Jewsekziah. Manchmal fanatischer Haß gegen den Zionismus, daher oft gemeinsame Arbeit mit polnischen Behörden. Aber im Volke verschwindend kleiner Anhang. Zwei Gründe für ihre immerhin erfolgreiche Arbeit: 1. Ihre systematische Gesundheitsfürsorge für die Kinder des Ghettoelends; 2. die Pflege des Jargon. Hier schwerer Fehler der zionistischen Organisation (nach meiner persönlichen Ansicht); der Ostjude liebt seinen „Mammeloschen" und findet in den zionistischen Schulen nur polnisch oder hebräisch. Wird wirklich im Galuth Hebräisch Nachfolger der Jiddischen sein? VII. Zionismus im Osten — einfacher, gerader als in Deutschland. Die Masse des Volkes will Palästina aufbauen, fragt nicht nach Gründen, Rechten, Formen, sondern liebt das Land aus Liebe zum eigenen Volk. Jeder Schlag von außen treibt sie enger zusammen, jeder Jude ist Bruder hier, seine Erfolge geben der Gesamtheit Stolzgefühl, seine Leiden werden von ihr mitgetragen. Zionismus im Osten — schlechter durchorganisiert, weniger ideologisch fundiert, aber von heißem, unbeugsamem Streben nach der praktischen Verwirklichung erfüllt. Ein Melamed in einem kleinen Städtchen: „Je mehr wir in Palästina sind, desto weniger Feinde werden wir haben." Nur die zionistischen Führer werden als wirkliche Volksführer betrachtet. 29