Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 28 (1931)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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sprünglicher Gewalt, in tierischen Pogromen, wüsten Lustbefriedigungen. Ostgalizische Juden deuteten an, daß Petljura an den Pogromen seiner Kosaken unschuldig sei, da er trotz guten Willens seine losgelassenen Horden nicht mehr bändigen konnte. Allgemeine Aeußerung antijüdischen Triebes: gewaltsame Ausschaltung jüdischer Konkurrenz im Wirtschaftsleben. Numerus clausus an den Universitäten, Staatsmonopol auf Branntwein und Tabak, Ausschluß des Juden von Fabrik, Beamtenposten. Was bleibt ihm noch? Fürchterliche Konkurrenz untereinander in den wenigen, noch offenen Berufszweigen und das Recht — Steuern zu zahlen. IV. Aber von innen — Fülle des geistigen, religiösen, volksphilosophischen Lebens. Schöpferische Urkraft, Potenzen, Möglichkeiten in unübersehbarer Zahl. Politische Gegensätze — Agudisten, Bundisten, Zionisten, Kommunisten. Geistige Widersacher: Der Chossid — der „Ongebrennte" (vom Feuer der Aufklärung; welch großartiges Bild — die westliche Aufklärung drang wie eine Feuersbrunst in das mittelalterlich-traditionelle Schulchanaruch-Juden tum!). Sprachenkampf, leidige Angelegenheit: hie Jiddischisten — hie Hebraisten. Aus lebendigem Volkstum erwachsen: Sprichwort und Volkslied. Das Sprichwort — Niederschlag jahrhundertealter Volkserfahrung, Ueb erlief erung treffender Situationsaussprüche. Das Sprichwort, sagen unsere Weisen, ist, l'hawdil, eine Torah. Das Volkslied — aus überquellendem Gefühl geschaffen, gesungen in allen fröhlichen und den noch häufigeren traurigen Lebensmomenten. Nie lärmend, überschäumend, sondern stets still, halb gesummt, verträumt, zitternd vor Leid — Ghettolieder. V. Ueberraschend für den Westeuropäer — der Chassidismus als treuer Parteigänger der Orthodoxie. Versöhnung der ursprünglichen Gegensätze: Rabbinismus — Volksmystizismus. Heute vereint: Talmudstudium und Wundertäterschaft, Gelehrsamkeit und populäre Gleichnispredigt. Im Zentrum der Chassidimgemeinde — «Der Rebbe". Mit weißen Strümpfen, schwarzen Pantoffeln, kostbarem Kaftan, ehrwürdigem Bart. Ungeordnet, ungezügelt, laut gestikulierend-schreiend, während des Gebetes ruhelos in den geräumigen, fast leeren Bat6-midraschim umherwandernd — die Schar der Gläubigen, bunt zusammengewürfelt aus reichen G'wirim und Bettlern von der Straße, Alten, Jungen und Kindern. Aber wenn der Rebbe vorbetet, herrscht Todesstille; er lehnt neben der heiligen Lade und betet — bald still, bald schreiend, bald demütig, bald hadernd, mitten im vorgeschriebenen Text plötzlich in Rufe ausbrechend: „Riboinoi schel oilom, helf!" — „Groißer Gott, helf Di!" — bald weinend und klagend, bald zuversichtlich tänzelnd. Noch eindrucksvoller — das Mahl des Rebben am Sabbat und an Feiertagen. Nach Erfüllung der häuslichen Pflichten kehrt die Gemeinde ins Beth-hamidrasch zurück, um am Mahle des Rebben „teilzunehmen". Dieser sitzt zu Häupten eines langen Tisches, jede Bewegung gemessen, voll Würde, sein Blick durchdringend, fast starr. Der „Gabbe" bedient ihn, 28