Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 28 (1931)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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Von Felix Bergmann (Sport-V.J.St.}. L Das jüdische Ghetto — Judenmassen in Kaftan, Schaftstiefeln, typischem Hut; mit der traditionellen Haartracht, den Pejes. Zugleich geschäftig und beschäftigungslos, hastig und ziellos, wie ein Ameisenhaufen wimmelnd. Halbverfallene, enge Häuser, zum Ersticken enge Wohnungen, 4, 6, 8 Menschen in einem Räume voll Ungeziefer, Spinnweben, mit bröckelnden Wänden, müllreifen Möbeln. Kein Geld, daher kein Material, daher keine rechte Arbeitsmöglichkeit, geringer Wirkungsgrad, der in keinem Verhältnis zur aufgewandten Mühe steht, wenig Verdienst, kein Geld. . . . Kinder auf der Straße im Schmutz, in den Wohnhöhlen in Lumpen, ohne richtige Nahrung, ohne Licht, ohne Schönheit. Ein amerikanisch-jüdischer Millionär kam im August nach Warschau, man führte ihn in die erste Wohnung, er sah und brach weinend zusammen. IL Jagd nach der Parnosse — ein jüdischer Laden neben dem andern. Zum Beispiel ein Obstgeschäft: In der Türe, die von der Straße zum Kellerwohnraum hinabführt, stehen zwei Körbe mit Obst. Betriebskapital 10 bis 20 ZI. Stoffläden von der Größe eines deutschen Kramwinkels mit einem Absatzgebiet, das sich über ein Drittel des polnischen Gebietes erstreckt. Werkstätten von 5X3 m Fläche, zugleich Arbeitsraum für zwei Menschen, Wohnzimmer für eine vierköpfige Familie, Koch- und Eß- und Spiel- und Lebensraum für Kinder und Erwachsene. Polen hat weite, unbebaute Flächen, polnisches Flachland gibt einen Vorgeschmack endloser sibirischer Ebene. Aber für die Juden ist kein Raum, keine Luft. Sie pferchen sich in unendlich deprimierende Steinhaufen, auf fünfte und sechste Höfe, einer neben dem andern, ein Laden neben dem andern, alles wie ein selbstgewählter Kerker, durch die ehernen Tore geschichtlicher Entwicklung von der Umwelt abgeschlossen. t Jawohl, selbstgewähltes Ghetto! Nicht aufgezwungen von Fremden — welcher historische Irrtum! Freiwillig haben sich hier Juden aneinandergedrängt, haben Freiheit, Weite, Bewegung, Natur, Schönheit, Lebensmöglichkeit geopfert um des jüdischen Milieus willen. Heimatgefühl — das gibt dieses Ghetto. Wer aus Deutschland zum erstenmal in ein jüdisches Viertel kommt, wird überwältigt, ergriffen, erschüttert von dem Gefühl: Du bist zu Hause. Ein schmutziges, armseliges, ja trostloses Zuhause, aber ein Zuhause. III. Von außen — alles gegen den Juden gerichtet. Beileibe kein Antisemitismus im deutschen Sinne (einzige Ausnahme: die ehemals deutschen Provinzen Posen und Oberschlesien; Erbe deutscher Kultur!). Diese primitiven, weit unter westlicher Zivilisationsstufe stehenden polnischen, ukrainischen, litauischen Bauern wissen, daß der Jude der „zyd" ist, handeln mit ihm, leben neben ihm, ruhig und träge. Wenn aber Kriegsanarchie das schläfrige Slawentemperament aufrüttelt, entlädt es sich mit wilder, ur- 27