Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 28 (1931)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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duckte arme Juden. — Man entdeckt hier in ihrem Ursprung die westeuropäischen Judengesichter; da ist das frappante Gesicht des westeuropäischen jüdischen Intellektuellen, des Literaten. Wie seltsam, daß der Mensch da nicht geistreiche französische Essays und lyrische Liebesgedichte schreiben wird, daß er nicht an Klassikern geschult ist, am Materialismus oder an der „Weltbühne", — an nichts außer am Talmud. Es ist ein seltsames Gefühl, wenn man diese Gesichter betrachtet von Menschen, die außerhalb ihrer Zeit in der Vergangenheit leben. Unruhig, undiszipliniert ist die Kindergesellschaft, die nur durch Schläge der Patriarchen (welche auch reichlich fallen) im Zaum gehalten wird. Die Alten, je nach Temperament mißtrauisch, gleichgültig, ernst oder spöttisch uns ausfragend. — Um Vertrauen zu erwerben, gebe ich verlegen vor, von der Aguda zu sein. Sie scheinen aber nicht viel davon zu halten. Ich will einen bissigen alten Weißbart umstimmen, indem ich mich wegen der Mappen, die wir am Sabbath trugen und die jetzt in der Wekce stehen, entschuldige. „So so, tragen ist bei Euch verboten", meint er spöttisch, „aber fahren dürft Ihr wohl?" Dann wurde gebetet. Fanatische Gestalten schüttelten sich mal tief und langsam, mal rasch und krampfhaft, von einem wilden Rhythmus bewegt. — Verzückte, entrückte Gesichter mit geschlossenen Augen. Ueberzarte Hände, unruhig nervös, ballten sich zusammen, preßten sich an die Wände und dienten der uns verloren gegangenen, unverständlichen, mystischen Handlung des Gebetes. Eines Gebetes, das den Westeuropäer staunen macht, so ungebändigt, so wild, unbeherrscht, laut, schreit es aus dem Menschen heraus. Ein Baal-Achsanje führte uns zu sich zu Nacht. (Das Hotel, das der Rebbe für seine Gäste hat, war in dessen Abwesenheit geschlossen.) Wieder Höfe, schmale Hausgänge, niedrige Stuben mit drei Betten in jeder, und wir sind in unserem Zimmer. Hier stehen u. a. Mobiliar ganze fünf Betten, außerdem sind wir beide im Zimmer und dann sind noch da — die Wanzen! — Da zieht es der eine vor, sich auf den Tisch zu legen, der andere aber erlebte ein Wunder: die vier anderen Betten wimmelten von Geschöpfen jeden Alters und jeder Größe, seins aber blieb verschont. Am nächsten Morgen wieder in Schul. Wie eine große Markthalle mit kahlen Wänden, einer einfachen, schlecht geputzten Decke, von simplen eisernen Stühlen getragen. Der Almentor in der Mitte, primitiv, der Thoraschrein einfach. Der einfachste Fußboden, auf den dauernd gespuckt wird, worauf die Spucke sorgfältig zertreten wird. An der schmalen Eingangswand Bücherregale, bis zur Decke mit anheimelnden Folianten gefüllt, auf der anderen Seite zwei Eingänge, einer zur Empfangsstube des Rabbi, der andere zum Raum der Frau des Rebben und der anderen Frauen. Wir führen Gespräche, jiddisch und hebräisch, in dem hebräisch wie es die Leute sprechen, kauderwelschartig klingend, mit gräßlich falschen Vokallauten. Wir sprachen mit diesen jungen Leuten, die ihr Leben in dumpfen Stuben verbringen, deren Rücken immer krumm gebeugt bleibt, die nie das Erlebnis des sp ort ausübenden Körpers haben. Wir orientierten uns 25