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Der jüdische Student · 1931-01-01 · Heft 1 (Januar 1931) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
28 (1931)
Issue
Heft 1 (Januar 1931)
Date
1931-01-01
Page
[Seite] (sequence 24)
Language
German
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Straßenbahnfahrt und jeder Spaziergang ließen Abenteuer erhoffen. Und das merkwürdige war, daß diese Hoffnung sich so oft erfüllte, wie es nur auf Reisen möglich ist, und daß darüber hinaus immer neue, unvorgesehene Situationen entstanden. Wir suchten die Dinge auf; wir stöberten den jungen jüdischen Strickarbeiter in seiner elenden Wohnung auf und „interviewten" ihn ebenso, wie wir Redakteure jüdischer Zeitungen überfielen. Wir suchten Leute und Institutionen auf, ließen aber auch unprogrammmäßige Eindrücke auf uns wirken. Und diese Eindrücke waren nicht immer angenehm. Furchtbar der Eindruck des jüdischen Elends, wie es einem auf der Gasse ins Gesicht schreit, der Anblick der auffallend großen Anzahl von Krüppeln, der degenerierten Gestalten, der idiotischen Kindergesichter, des Schmutzes und der Armut, grenzenlosen Armut. Wir fragten uns, wie wohl auf einer Polenfahrt die westeuropäischen Bundesbrüder auf dieses abstoßende Elend reagieren würden, und waren geneigt, Bundesbruder Silberstrom aus Lodz recht zu geben, der seinerzeit auf mögliche negative Wirkungen einer solchen Fahrt nach dem Osten hingewiesen hat. Aber dann kamen andere Erlebnisse; ein Medem-Sanatorium, der herrliche Ausdruck des Kampfwillens gegen äußeres Elend. Ein Abend im „Hapoel Hazair": dieser Elan, diese Vitalität, dieser Glaube an die Zukunft, die in den jungen Menschen leben! Dieses Gesicht des neuen, des arbeitenden, kämpfenden, jüdischen Menschen, dieses alles hättet Ihr sehen müssen. Es würde Euch unvergeßlich bleiben! IL Der Rebbe ist in Marienbad. In der (drei Millionen starken) polnischen Judenheit stehen verschiedene sozial und religiös bedingte Volksschichten einander mit wenig Verständnis gegenüber. Mein Freund konnte darüber staunen, daß ein junger Mensch in Warschau über die Chassidim mit Verachtung sprach und nichts von Martin Buber'scher Romantik ihnen gegenüber empfand. Ihm fehlte die westeuropäische Distanz. — Und es fanden sich Leute, die nicht recht verstehen konnten, wie wir auf den „Schabbes Tschulent" verzichten konnten zugunsten eines Besuches in „Göra Kalwarja". Wir taten es aber doch. Freitag, am Spätnachmittag, fahren wir in der Kleinbahn nach G. Vor den Feiertagen füllen Tausende von Chassidim die Extrazüge zur Residenz des Chassidimrabbi. Im Zusammenhang mit dieser Kleinbahn wurde uns folgende Geschichte bekannt: Einst wurde ein Anhänger des Zadik im Bimmelbähnchen belästigt. Der Rebbe verbot daraufhin seinen Gläubigen, das staatliche Verkehrsmittel zu benutzen. Das Bähnchen wurde still gelegt. Die Direktion aber hüllte sich in Sack und Asche und bat den Rebben, den Bann aufzuheben. Die Geschichte könnte sogar wahr sein. Die Macht der Chassidimrabbis ist groß. Sie haben ungeheure Anhängerschaft, für die es gilt: Gott ist Gott und der Rabbi ist sein Prophet. Der Zadikim gibt es einige* in Beiz, Alexandrow usw., und sie bekriegen ein- 23

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