Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 28 (1931)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Trotzdem kann es — von einer höheren Warte aus betrachtet — sehr zweifelhaft sein, ob für eine Gruppe unserer Art die Möglichkeit oder die Unmöglichkeit solcher politischen Geschäfte günstiger ist. Ich weiß nicht, ob man im allgemeinen mit Recht sagen kann, daß Politik den Charakter verdirbt; die Atmosphäre des ständigen Suchens nach Kompromissen, nach Kompensationen, die man verlangt und gewährt, ist ganz gewiß dem Charakter einer Gruppe nicht zuträglich. Uebrigens gibt die Größe unserer Minoritätsgruppe uns aller Voraussicht nach die Möglichkeit, einer Majorisierung in vitalen Fragen mit Aussicht auf Erfolg entgegenzutreten. Eine verfassungsmäßige Waffe hierfür bietet uns die Bestimmung des Gemeindestatuts, daß für gewisse Fragen (Satzungsänderungen, Rabbinerwahl) qualifizierte Majorität erforderlich ist. b) Die reinere und klarere Atmosphäre, die ich für die Arbeit in der neuen Repräsentantenversammlung erhoffe, wird uns die Möglichkeit geben« ganz grundsätzlich und ohne Ausschau nach einem Kompromiß unsere zionistischen Auffassungen zu vertreten — in stärkerem Umfange, als es unseren Freunden in der alten Repräsentantenversammlung nach Lage der Dinge möglich war. Zweifellos ist von den Vertretern der Volkspartei auch in der alten Repräsentantenversammlung jede Gelegenheit zu grundsätzlicher Stellungnahme ausgenutzt worden; aber es lag in der parlamentarischen Gesamtsituation begründet, daß diese Gelegenheiten seltener waren, als sie es hoffentlich in der vor uns liegenden Periode sein werden. Wenn wir klar und rückhaltlos und vernehmlich unseren zionistisches Standpunkt zur Geltung bringen werden, so werden wir damit zugleich die eine Hauptverpflichtung erfüllen, die nach meiner Auffassung aus dem Ergebnis der Wahlen resultiert. Die Volkspartei hat nämlich ihre Stimmenzahl nur deshalb so gewaltig steigern können, weil alle zionistischen Kreise Berlins ihre Pflicht voll erfüllt und sich — in einem Ausmaße und in einer Geschlossenheit, wie sie bisher noch bei keiner Wahl sich gezeigt haben — für einen Sieg der Volkspartei im Wahlkampf eingesetzt haben. Das haben sie in der Erwartung getan, daß unsere Vertreter in der Gemeindeverwaltung in allen Fragen, die unsere zionistischen Grundprobleme unmittelbar oder mittelbar berühren, eine wirklich zionistische Haltung einnehmen werden. Anderes kann im übrigen auch die jüdische Oeffentlichkeit nach dem Verlauf des Wahlkampfes nicht erwarten. Ich selbst habe gerade aus diesen Zusammenhängen heraus Wert darauf gelegt, in einem mitten im Wahlkampf in der „Jüdischen Rundschau' erschienenen Artikel die Gemeindewahlen in aller Oeffentlichkeit ganz untaktisch als ein zionistisches Ereignis darzustellen. Die Wähler der Volkspartei und ihre Gegner sind sich gleichermaßen über die zionistischen Tendenzen der Menschen klar gewesen, die auf der Liste der Volkspartei standen. c) Der Hinweis auf die zionistischen Möglichkeiten, Aufgaben und Pflichten, die aus dem Wahlergebnis resultieren, darf selbstverständlich nicht dahin mißverstanden werden, daß sie für uns die einzigen oder auch nur allein ausschlaggebenden sind. Denn die andere große Verpflichtung ergibt sich für uns aus der Tatsache, daß fast 26 000 Wähler 11