Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 28 (1931)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Juden in allem. Wenn jemand hier etwas ausgefressen hat, wenn er sich vom Militärdienst drücken will, geht er nach Palästina. Natürlich sind 1927 eine Anzahl wieder zurückgekehrt. Von hier aus bekommt auch die Frage nach der Existenzberechtigung des deutschen Zionismus eine ganz besondere Antwort. Der deutsche Zionismus hat seine Existenzberechtigung schon dadurch, daß er existiert. Dadurch, daß die rumänischen Juden wissen, daß die „vornehmen", zivilisierten deutschen Juden, wenn auch nur zum Teil, Zionisten sind, wird ihr Selbstbewußtsein so gestärkt, daß sie viel schwerer der Assimilation anheimfallen, als es sonst der Fall wäre. Der reiche rumänische Jude aus Bukarest nämlich entspricht im Typ dem deutschen Vorkriegsassimilanten. Er ist stolz, daß seine Kinder rumänisch ohne den geringsten jüdischen Akzent sprechen: er läßt sich taufen und heiratet eine Christin, möglichst aus dem Offiziersstande oder dem niederen Adel, um so dem Rufe zu entgehen, ein Jude zu sein: und im allgemeinen hat er damit Erfolg, da der rumänische Antisemitismus, nicht ein so ausgeprägter Rasisenantisemitismus ist wie in Deutschland. Diesen Assimilationstendenzen der rumänischen Juden wird durch den Zionismus ein wirksamer Wall entgegengesetzt, und dadurch, daß reiche amerikanische, englische und deutsche Juden Zionisten sind, schwindet die Meinung, als ob der Zionismus eine Bewegung der armen, zivilisatorisch rückständigen Juden sei, der durch die fortschreitende Aufklärung und Zivilisation zum Tode verurteilt ist; eine Meinung, die man sehr häufig über die Orthodoxie vertreten findet. Der deutsche Zionismus hätte so schon seine Existenzberechtigung durch seine Existenz, er ist das zionistische Propagandamittel im Osten. Etwas zur wirtschaftlichen Lage der Kleinstadtjuden. Berufe, in dem Sinne, wie man das Wort in Deutschland versteht, gibt es nicht. Man geht dem Berufe nach, der im Augenblick die günstigsten Aussichten bietet und ergreift vielleicht in 2—3 Jahren einen anderen. „Wozu hat man denn sein jüdisches Köpfchen?" In der Hauptsache aber sind die Juden Händler — wenn auch nur neben dem Handwerksberuf, und in der Hauptsache handelt man in diesem Agrarland mit Getreide. Es wird wohl nicht viel Juden in der Moldau, Bessarabien und der Bukowina geben, die in ihrem Leben noch kein Getreide gehandelt haben. Hat jemand Ersparnisse gemacht, so wird er meistens dafür in Spekulation irgendwelche Agrarprodukte kaufen. Sinkt der Preis, so wie es in den letzten zwei Jahren allgemein der Fall war, so verliert er seine ganzen Ersparnisse. Der Jude ist für den Bauern die Verbindung mit der Außenwelt. Er kauft ihm sein Getreide ab, hilft ihm im Verkehr mit den Behörden, leiht ihm Geld bis zur nächsten Ernte — mit bis zu 50 Proz. p. a., ein Zinssatz, der aber infolge des Risikos höchstens zu niedrig ist — kurz, die ganze Außenwelt wird bei ihm durch den Juden vertreten. Und wer ist daran schuld, daß der Bauer heute für alle Waren 2—3mal soviel Getreide hergeben muß, wie noch vor 3 Jahren, daß er für eine Schachtel Streichhölzer 2 kg Gerste geben muß, ein großes Messer, eine Sichel ihn fast eine Fuhre Gerste, den 14