Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 28 (1931)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Zionismus und Assimilation bei den rumänischen Juden Wenn man vom Ostjudentum spricht, denkt man an Polen, Rußland, Litauen und Lettland, vergißt aber häufig, daß in Rumänien, einem Lande von knapp 18 Millionen Einwohnern, etwa 1 000 000 Juden wohnen. Rumänien gehört also, sowohl absolut wie relativ, zu einem der am dichtesten mit Juden besiedelten Länder. Die große Dichte der jüdischen Bevölkerung wird noch auffälliger, wenn man bedenkt, daß in der Hauptsache — außerin der Hauptstadt Bukarest — die rumänischen Juden in der Moldau und in Bessarabien sitzen. In den Kleinstädten, wo sie, wie in Polen und Rußland, den Großteil der Bevölkerung ausmachen, leben sie unter Bedingungen, die wir uns gar nicht vorstellen können. Der tiefe Lebensstandard (der aber noch immer höher ist als der der rumänischen und russischen Bauernbevölkerung), ist eine natürliche Folge der Preisrelationen. Ein Beispiel: In Kilia, einem mittleren Exporthafen Rumäniens, kostete während meines Dortseins (Mitte August) ein Eimer Wasser 30 Lei (75 PL), ein Kilo (nicht ein Pfund!) Tomaten 1 Lei (2% Pf.). Wenn ein jüdischer Hafenarbeiter dort pro Tag 150 Lei (3,50 M) verdient, wobei er aber nur jeden zweiten Tag arbeiten kann, so kann er davon mit seiner Familie zwar leben und gut essen, aber sich kaum waschen. Kaftane gibt es in Rumänien nicht mehr. Nur noch der Rebbe in den kleinen Orten trägt einen. Die Juden sind zwar zum weitaus größten Teil noch konservativ, aber nicht orthodox. Von dem polnisch-chassidischen Zentrum, von Galizien, sind sie ja auch durch die Bukowina getrennt, wo es zwar sehr viele Juden gibt — die Hauptstadt Cernowitz ist fast rein jüdisch —, die aber religiös noch liberaler sind als die Moldaujuden und auch auf einer verhältnismäßig hohen zivilisatorischen Stufe leben. Im Gegensatz zu den moldauischen und bessarabischen Juden ist der bukowiner Jude Zivilisationsträger im neuen Großrumänien, ebenso wie der siebenbürger Sachse. Der gute Handwerker, der gute Kellner, Portier, Gastwirt, die gute Musikkapelle, sie alle stammen aus Cernowitz. Gleichzeitig ist der Cernowitzer Jude deutsch-jüdischer Kulturträger; er hat Goethe und Heine gelesen und dementsprechend ist seine Kultur. Diese Einstellung empfindet er nicht als Gegensatz zu seinem Zionismus. Die überwiegende Mehrzahl nicht nur der bukowiner, sondern aller rumänischen Juden sind Zionisten. Die Vorstellung, daß die Juden keine Nation seien, ist für fast alle lächerlich, und mit Palästina sind sie nicht nur ideell, sondern auch materiell verbunden. Für den Juden in der Moldau und in Bessarabien ist Palästina das, was Amerika für uns ist. Nach Palästina zu gehen ist für ihn in keiner Weise ein Opfer. In Palästina verdient er zumindest soviel wie zu Hause, er hat dort für billiges Geld viele Bildungsmöglichkeiten, kann einmal in der Woche baden; alles Sachen, die es in Bessarabien und in der Moldau nicht gibt. Wenn er also drüben etwas findet, geht er sofort hinüber, und der Unterschied zwischen dem organisierten Zionisten und den anderen Juden ist nur der, daß der eine sich mehr bemüht als der andere. Palästina ist das Amerika für die rumänischen 13