Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 10-11 (November 1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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Sphäre seines Ursprungs die dem Menschen gemäße und zuträgliche und, sie gegen eine andere zu vertauschen, Sünde und Lebensfehler sei. Nie, meinte er gesprächsweise, sollten die Menschen die Heimaterde verlassen, die sie hervorgebracht, wenn sie glücklich und in Sicherheit leben wollten. In jeder Reise sah er etwas Aufregendes und Gefährliches, eine Herausforderung des Schicksals, — eine mystische Furcht, die wahrscheinlich bei der Konzeption von „Colberts Reise" ihre Rolle gespielt hat. Für seine Person unternahm er zwar Reisen nach Italien und Paris, bekannte aber mit seltener Ehrlichkeit und im Gegensatz zur Glücksrenommage der Reiselyriker, daß weder der blaue Süden, noch die berühmten Kunststätten, noch die Reize der Weltstadt ihm viel zu sagen gehabt hätten. In Berlin, wo er Freunde und Wirkungskreis hatte, gefiel ihm das Leben aus praktischen Gründen noch am besten. Er hatte früh, lange vor „Knaben und Mörder", zu schreiben begonnen, verriet aber seine literarischen Neigungen nur zwei, drei Freunden. Es war kennzeichnend für seinen Charakter, daß Fernstehende ihn überhaupt nicht für einen geistig interessierten Menschen hielten. Die Regimentskameraden sahen in ihn einen guten Kerl, der gern die anderen unterhielt, sogar ohne dabei sonderlich auf seine Würde zu achten. Advokatur- und Bankkollegen kannten ihn als durchschnittlichen Kaffeehausbesucher und waren nicht wenig überrascht, als sie von Büchern hörten, die er herausgegeben habe, und die sogar gelobt wurden. Er arbeitete schwer. Ein nachgelassenes Tagebuch, das er während seiner letzten Lebensjahre geführt hat, eignet sich aus persönlichen Gründen nicht zur Veröffentlichung in extenso, aber es sind in einer Theaterzeitung Bruchstücke daraus veröffentlicht worden, die Zeugnis ablegen von seiner fanatischen Liebe zur literarischen Kunst, dem Druck der Verantwortung, unter dem er schrieb oder zu schreiben zögerte, von dem Bangen um seine Sendung, der Furcht, sein Können möchte erlöschen, seine Arbeit Handwerk werden. „Ich habe", schreibt er, „im Kriege die unmittelbare Gefahr des Todes stündlich vor mir gehabt, aber als ich betete, betete ich, daß Gott mich nur leben lassen solle, wenn ich zum Dichter ausersehen sei." Welche Frömmigkeit! Und ich meine damit nicht seinen Glauben an Gott, sondern seinen Glauben ans Dichtertum. — Ein andermal, am 30. September 1928, heißt es: „Ich habe sechs Monate Urlaub. Niemand soll in dieser Zeit etwas von mir hören. Entweder ich habe dann etwas Wirkliches geschaffen, oder ich mache Schluß mit allem. Vielleicht nicht mit dem Leben, aber mit der Kunst. Aber ohne sie ist kein Leben für mich. Das ist die Gefahr." — Die Sorge um sein höheres Ich fällt zusammen mit der um sein Leben. Gibt es das noch? Uebrigens sorgte er sich um sein Leben auch auf bloß körperlicher Ebene, ein Hypochonder, der jeden Augenblick zum Doktor lief. Schließlich war das die Ursache seines frühen Ende. Denn die Aerzte, abgebrüht und skeptisch gemacht durch seine ewigen Grillen, unterschätzten und verkannten zu lange die Todeskrankheit. 32