Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 10-11 (November 1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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lischem Werk mit so viel Dichter-Innigkeit um das Leben wirbt, daß dieses wohl mit mehr Gunst solcher sinnlichen Treue hätte begegnen dürfen. Man lese etwa in den folgenden Blättern, was er seinen „Weinreisenden1* über das Geheimnis seiner Ware sagen läßt. „In altem Wein sind Gerüche aller Blumen, die Strahlen der Sonne, Lachen der Kinder, Schweiß der Männer, das Bild der sommerlichen Landschaft alles reif und schwer wie die Brust der stillenden Mutter/' Das ist Lebensgesang. Kunst mag wohl todgezeichnet sein, sie ist doch immer Liebe, immer Leben. „Man ist Künstler", sagt der Weinreisende, „auf anderem Gebiet, als es der Dichter oder Musikant ist, aber doch auch wie diese durch seine Sinne in einem tieferen und heiligeren Zusammenhang mit der Natur, herausgehoben aus der dumpfen Masse derer, deren Auge so stumpf ist wie ihr Ohr, ihre Nase, ihre Zunge und die Nerven unter der Haut." In einem, solchen tieferen und heiligeren Zusammenhang mit der Natur stand auch Ungar durch sein Talent, — gerade diese nachgelassenen Geschichten lassen es am stärksten erkennen, sie zeigen vielleicht deutlicher als das zu Ungars Lebzeiten Erschienene, welche Entwicklungsmöglichkeiten durch seinen vorzeitigen Tod geknickt wurden, und ihre Herausgabe bedeutet uns wirklich eine menschliche Anklage de® Schicksals. Welch eine unheimlich bedeutende Figur, dieser Diener Modlitzki in „Colberts Reise"! Mit Recht hat man diese Geschichte an die Spitze des Bandes gestellt; sie ist ein kleines Meisterstück und würde mit Ehren innerhalb eines klassischen Lebenswerkes stehen. Die anderen haben nicht diese Rundheit, sie sind studienhafter, Bruchstücke und Andeutungen einer unverwifklichten epischen Welt, — aber man lese „Bobek heiratet", um zu spüren, welcher grotesken Sakramentalität des Sinnlichen dies schwermütige Talent fähig war, und was daraus hätte erwachsen können! Hermann Ungar wurde im Jahre 1893 in Bo&kowice, einem mährischen Städtchen, von jüdischen Ellern geboren. Die Ungars sind Kaufleute und Landwirte, der Vater ist Kaufmann mit gelehrten und philosophischen Neigungen. Hermann absolvierte das deutsche Gymnasium in Brünn, studierte an den Universitäten Berlin, München und Prag die Rechte und promovierte zum Doktor mitten im Kriege. Als Oberleutnant der Reserve nahm er an diesem von Anfang bis zu Ende teil, die ersten Jahre an der Front, in Rußland und Galizien, und wurde schwer verwundet. Nach Friedensschluß war er kurze Zeit Advokatur-Konzipient, dann Bankbeamter in Prag, versah eine Zeitlang das Amt eines Dramaturgen in Eger, trat 1920 ins tschechoslowakische Außenministerium ein und wurde der Berliner Gesandtschaft als Legationssekretär zugeteilt. Er heiratete eine Pragerin und wurde Vater zweier Knaben. Im Jahre 1928 nach Prag zurückberufen, ging er mit der Absicht um, die amtliche Laufbahn zu verlassen, um sich ausschließlich der Literatur widmen zu können. Man hört von einem Automobilunfall, der seine Nerven schwer erschüttert und der Krankheit, einer Blinddarmentzündung, den Boden bereitet habe, die ihn, zu spät erkannt, zu spät operiert, im folgenden Jahr befiel, und der er erlag. Ungar besaß einen ausgeprägten Sinn für Familie und Herkunft. Was man Heimatliebe nennt, tritt bei ihm als die Ueberzengung auf, daß nur die 31