Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 10-11 (November 1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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Tod ist keine Widerlegung, und es wäre irreligiöse Glücks- und Erfolgsphilisterei, den Segen des Lebens zum Kriterium de® Liebenswürdigen zu machen. Der Verstorbene dachte tief, bitter und wahr über Sieg und Niederlage, Segen und Verworfenheit. „Heute weiß ich", sagt er in der Einleitung zu einer der vorliegenden Erzählungen, „daß die Begabung rasch begreift, wie leicht sie jeder Sache dienen kann, und es ist gerade oft ihr eigentümliches Zeichen, wie sie es versteht, sich dem Gewöhnlichen anzupassen und die Anpassung moralisch zu begründen. Die Sieger im Leben sind in der Regel, von einer höheren Warte gesehen, die Besiegten. Der Tod der Erfolglosen leuchtet zuweilen von den Strahlen des Siegers." Das heißt wirklich mit unbestechlich-hochherzigem Scharfblick den Schein durchschauen, und wenn es wahr ist, daß „ihr an ihren Früchten sie erkennen sollt", so darf man stolz sein auf ein Schülertum solcher Gesinnung. Vergessen oder außer acht gelassen ist hier nur das eine, daß die wahren Siege der Lebenskinder häufig wo anders liegen, als wo die Menge sie sieht, daß der Ruhm weder ein Erkenntnismittel, noch ein Produkt der Erkenntnis ist, und daß auch die Sieger des Lebens der Menschlichkeit bedürfen — was freilich heißt, alles haben wollen. Nachträglich ist mir, als hätte ich das Todgeweihte in Hermann Ungars Kunst und Wesen immer gespürt, und gerade dieser „Instinkt" sei die Quelle meiner Sympathie, das Motiv meines Eintretens für die frühen Manifestationen seiner Natur gewesen. Es ist in seiner Komik, die nicht lacht, seiner geschlechtlichen Melancholie, der bitteren und oft unheimlich gemessenen Art seiner Lebensaussage — es ist in seiner geistigen Physiognomie und war selbst in seiner physischen etwas Bleiches, Gezeichnetes, streng Hoffnungsloses, zu dessen prophetischer Ausdeutung es keiner Spökenkiekerei bedurfte, und das mich hindert, seinen frühen Tod als Zufall zu empfinden. Ich wunderte mich nicht, daß man in Frankreich „Knaben und Mörder" sogleich übersetzte und sehr bemerkenswert fand. In der französischen Geistigkeit ist mehr Ironie gegen das Lebenstüchtige, mehr Neigung zum edel Hinfälligen lebendig, als unter uns Deutschen, denen da® Goethe-Erbe eines stämmigen Lebensaristokratismus tief im Blute sitzt. Zweifellos ist nicht alles vornehm, was des Todes, nicht alles gemein, was des Lebens ist. Aber wir bekunden unseren Gewissensspott selbst noch gegen die hohe Angepaßtheit am besten, indem wir uns vor dem Adel des Todes neigen. Nicht von Erfüllung, Gnade der Reifung und Vollendung kann hier die Rede sein; aber bevor das Leben ihn mit jener Unachtsamkeit fallen ließ, durch die es unseren Menschensinn so oft verstört und empört, hatte dieser Geist doch schon mehr geben dürfen, als es nach dem Gesagten scheinen könnte. Wir haben nach dem ersten Novellenband einen Roman von gramvoller Stärke: „Die Verstümmelten"; wir haben „Die Klasse", weniger gewichtig wohl, aber nach Handschrift und Vision doch Ausdruck jener kultivierten Ursprünglichkeit, die wir Kunst nennen; wir haben Theaterstücke, deren Erfolg in Berlin und Wien nicht auf der Anpassung an das Gewöhnliche beruhte. Und wenn, das Schicksal wegen seiner Achtlosigkeit zu tadeln, es dem König gleichtun hieße, der das Meer peitschen ließ, so ist man doch versucht, ihm all das vorzuenthalten, was in Ungars melancho- 30