Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 10-11 (November 1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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In der Politik ist es wie bei gewissen Krankheiten, von deinen: die Aerzte sagen, daß sie im Anfang leicht zu heilen, aber schwer zu erkennen, im fortgeschrittenen Zustand aber, wenn man sie nämlich zu Anfang nicht erkannt und also nicht ge!heilt hat, zwar leicht zu erkennen, aber schwer zu neilen seien. Erkennt man im Staatsleben ein Uebel schon in seinen Anfängen — was freilich nur einem klugen Kopf gegeben ist — so ist es leicht und schnell zu beheben, hat man es aber nicht erkannt und läßt man es wachsen und so groß werden, daß es schließlich jeder leicht erkennen kann, dann gibt es kein Heilmittel mehr dagegen. Heutzutage führen alle gescheiten Leute das Sprichwort im Mund: Kommt Zeit, kommt Rat. Besser a'ber ist es, bei Zeiten Kraft und Klugheit anzuwenden. Denn die Zeit kann ebenso leicht Böses wie Gutes bringen. Principe 3« * Es ist eine unumstrittene Tatsache, daß allen Dingen dieser Welt ihre Lebensgrenze gesetzt ist. Aber nur die vollenden den ganzen ihnen vom Himmel zugemessenen Lauf, die ihren Körper nicht in Unordnung geraten lassen, sondern so in Ordnung halten, daß er nicht krank wird, und wenn er krank wird, daß ihm diese Krankheit zum Heil und nicht zum Schaden gereiche. Und da ich dabei an zusammengesetzte Körper denke, an die Staaten nämlich und an die Parteien, sage ich ferner, daß nur die Krankheiten zum Heil gereichen, die den Staat oder die Partei zum Zustand ihrer gesunden Anfänge zurückführen1. Und darum sind diejenigen Staaten am besten geordnet und haben das längste Leben, die sich kraft ihrer Verfassung häufig zu erneuern vermögen oder aber durch Zufälle, die außerhalb ihrer verfassungsmäßigen Entwicklung liegen, sich zur Erneuerung bringen lassen. Es ist sonnenklar, daß ein Körper, der sich nicht erneuert, keine Dauer haben kann. Erneuert aber wird er dadurch, daß er zu den gesunden Formen seiner Anfänge zurückgeführt wird. In ihren Anfängen nämlich haben alle Parteien, Staaten und Reiche gute und kraftvolle Eigenschaften, die ihnen das erste Ansehen schufen und den ersten kraftvollen Aufstieg ermöglichen. Weil aber mit fortschreitender Zeit diese guten Eigenschaften nachlassen und verderben, so muß, wenn nicht von außen irgendein Ereignis eintritt, das die alten Kräfte weckt, der Körper notwendigerweise sterben. Discorsi IE, 1. * Radikale und Revisionisten Es ist zu begrüßen, daß durch die im vorletzten J.St. gestellte Frage: „Was hindert Radikale und Revisionisten, sich zusammenzuschließen?" ein Thema angeschnitten wird, das der Klärung bedürftig ist. Als Radikaler nehme ich zu dieser Frage Stellung mit dem Versuch, sie vom Standpunkt der Radikalen aus zu beantworten: 4