Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 9 (Oktober 1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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Darum kann ich, ohne mich durch irgendeine Scham gehemmt zu fühlen, hier nicht nur vom Buche, sondern auch von seiner Entstehungsgeschichte, das heißt: von mir sprechen» Ich bin der Figur des Sabbatai Zewi zu der Zeit begegnet, als ich überhaupt anfing, mich um jüdische Dinge zu kümmern. Das war mit 16 Jahren. Mir fiel da in einem abgeschabten schwarzen Einband ein Roman in Fortsetzungen in die Hände. Wenn ich ihn heute rekonstruiere, muß ich sagen: schauerlicher Familienkitsch. Damals war es ein aufregendes Erlebnis. Fünf oder sechs Jahre später las ich die Memoiren der Glückel von Hameln und stieß wieder auf die Spur des Sabbatai. Dann habe ich ihn vergessen. Das heißt: mein exaktes Wissen um ihn war inzwischen reichlich vermehrt, aber es lag im gleichen Winkel mit dem übrigen Wissen um jüdische Dinge und Stoffe. Vor vier Jahren habe ich aus der Diskrepanz zwischen einem bürgerlichen Beruf und einer Existenz als Jude, der ein Gestaltungsbedürfnis in sich fühlt, die Konsequenz gezogen, habe meine Praxis aufgegeben und mich in den Tessin als freier Schriftsteller zurückgezogen. (Solche einfachen Entscheidungen werden zwar immer mit großem Pathos gefordert; aber geschehen sie einmal, dann werden sie suspekt.) In dieser neuen Tätigkeit begegnete ich auf vielen Irrwegen (die vom lyrischen Gedicht bis zur Detektivnovelle gingen) schließlich dem alten Bezirk, in dem meine geistige Haltung ihre erste Beeinflussung und Formung empfing: dem Bezirk des Judentums. Es war also ein Kreislauf von damals bis heute. Er wird wohl notwendig gewesen sein. Die Anregung, gerade mit dem Sabbatai Zewi zu beginnen, ging von meinem Gegner und Nachbarn Emil Ludwig aus. Aber den Anstoß gab eigentlich der Nachhall der Tage, die wir in einem größeren Kreise August 1928 mit Martin Buber in Ponte Tresa verlebten. Wir sprachen da im Anschluß an das Buch Schmuel über das Problem des Messias und des Führers. Als alles, was aus dieser Unzahl von Anregungen bewegt worden war, sich gesetzt hatte, wußte ich, daß ich mit der altvertrauten Figur des Sabbatai die Gestalt in der Hand hielt, um diese Dinge — Messianismus, Gläubigkeit, Führerschaft, Verantwortung — zu sagen und an einem Geschehen von erschütternder Lebendigkeit zu demonstrieren. Ich habe darum auch dieses Buch Martin Bub er gewidmet. Mir ist in dem Maße, wie sich mir der Stoff eröffnete, die Figur, die Persönlichkeit des Sabbatai Zewi zwar nicht gleichgültig geworden, aber ich habe sie immer mehr begreifen gelernt als einen Katalysator, dessen Anwesenheit Verwandlungsprozesse ermöglicht, ohne daß er selbst in Wesen und Substanz davon berührt wird. Gewiß: sein Schicksal ist phantastisch, so phantastisch, wie es jüdische Schicksale zuweilen sein können; aber um dieses Schicksal lagern sich mit ungeheurer Dichte und Intensität die Gläubigkeiten eines ganzen Volkes, seine Hoffnungen, seine Ekstasen, sein blinder Optimismus und seine tiefe Skepsis. Es sieht so aus, als habe Sabbatai eine Welt in Bewegung gesetzt. In Wirklichkeit hat eine Welt sich selber und aus eigenen Kräften in Bewegung' gesetzt, als ein unvollkommenes Geschöpf, ein tief Gläubiger seiner eigenen Lüge sich ihnen 38