Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1930-10-01 · Heft 9 (Oktober 1930) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
27 (1930)
Issue
Heft 9 (Oktober 1930)
Date
1930-10-01
Page
[Seite] (sequence 36)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3537599-3537812-3537818--7753-3545800
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

jüdischen Vorstellungen belastet. Man träumte von einem gegenwartsfernen Judenstaat, den im Grunde nur die jüdische Nationalität seiner Bewohner von anderen Nationalstaaten in Form und Inhalt unterschied* Daher die deir heutigen Generation kaum mehr verständlichen Vorstellungen vom Judenstaat, wie sie in Herzl's Tagebüchern und in „Altneuland" zum Ausdruck gebracht werden. Es wäre ungerecht, die Vorstellungen dieser Zeit mit den heutigen wertend zu vergleichen. Zwischen damals und heute liegt für die Westjuden das ungeheure Erlebnis der Berührung mit den Inhalten des jüdischen Volks- und Geisteslebens, die die zionistische Bewegung herbeigeführt hat. Inzwischen ist in einer dreißigjährigen Gesinnungs¬ und Tatgemeinschaft von West- und Ostjudentum eine Angleichung, die keine Assimilation ist, entstanden, eine Angleichung, die ein kultureller Ausscheidungsprozeß unjüdischer und Bildungsprozeß jüdischer Werte geworden ist. Auch heute ist dieser Prozeß noch keineswegs abgeschlossen. Er wird erst in Erez Israel seine Vollendung finden. War auch der Ideeninhalt des jungen jüdischen Nationalismus in Westeuropa im Grunde genommen nur europäischer Nationalismus mit jüdischem Vorzeichen, so hatte diese jüdisch-nationale Idee trotz der Schlacken der Assimilation ungeheure aufwühlende und revolutionäre Gewalt. Es war ein radikaler Bruch, ein Zerreißen aller Beziehungen mit der Ideenwelt, die die westeuropäische Judenheit seit Generationen ohne Einschränkung beherrschte. Es war Bruch und Kampf mit der Generation der Väter, von einer Leidenschaftlichkeit und Schärfe, wie die heutige zionistische Jugend sich kaum vorstellen kann. Narren oder Verräter erschienen diese Jungen ihren Eltern, und unzählige schmerzliche Zerreißungen zerstörten das berühmte jüdische Familienleben. Nicht nur äußerlich, auch innerlich war es eine tief greifende Revolution. Der Entschluß eines Jungen von heute, sich aus Milieu, Familie und Beruf loszulösen und als Chaluz nach Erez Israel zu gehen, verlangt nicht mehr an Umstellung und Umwertung, als vor 30 Jahren der Uebergang vom Assimilationsjuden zum Nationaljuden. An den Ideen jener Zeit gemessen, waren die ideologischen Forderungen des utopischen Zionismus weitergehend als die Forderungen, die sich aus der heutigen Realität des Zionismus ergeben „.... Nach dem Kriege setzte sich die Entwicklung um so stärker fort. Zunächst schien sie sich zu überstürzen, eine ausschließliche Einstellung auf Chaluziuth war mit völliger Negierung der Galuthaufgaben verbunden, der Mangel feststehender und den jüdischen Ideen angepaßter Lebensformen führte zum radikalen Bruch mit den bisherigen Formen des Verbindungslebens, und der Bestand des Kartells schien kurze Zeit gefährdet. Diese Ueb ertreibung und Ueberspitzung, die mit der allgemeinen Situation und Entwicklung in Deutschland mitschwang, ebbte schnell ab. Die Linie einer stetigen Entwicklung wurde wieder erkennbar, ihre Hauptaufgaben lagen in der Erziehung zu Chaluziuth, Hebraisierung der jungen Generation und zionistischen Aktivierung der Alten Herrenschaft. Die politische Situation, die die Realisierung der Chaluziuthforderung für die Allgemeinheit der Bundesbrüder unmöglich machte, bedingte eine stärkere Beziehung zu den Problemen des Galuthjudentums, ohne das Ziel der Gestaltung eines starken 34

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.