Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 9 (Oktober 1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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sammenschluß instinktiv hindrängt, wenn auch bei noch so kleinen Volkssplittern: eine Teilerscheinung der Judenheit als „portativen Staates", eine Auswirkung des Streb ens nach autonomer Verwaltung der eigenen Angelegenheiten, nach Betätigung eines politischen Machtwillens. So erst ist die Tatsache zu verstehen, daß eine Verbindung einen winzigen Staat repräsentiert: in der organischen Bindung ihrer Mitglieder unabhängig von rationalen Momenten, in der Pflege eines symbolisierten „Patriotismus", in der politischen Tendenz, in der Ausbildung eines militärähnlich organisierten Werkzeugs. Diese Eigentümlichkeit ist nur gegeben durch wirksame Eingliederung des Einzelnen. Wir finden darin tatsächlich das Wesen der Verbindung, das ihre Disziplin und Außenseite bedingt, selber aber auf den in unserer Akademikerschaft lebendigen nationalen Konservierungsinstinkt als tieferen Grund zurückgeht. Auf diese Weise bildet aber die Korporation ihr Mitglied aus, im Vermögen, zu gehorchen und zu befehlen, zu regieren und zu verwalten: zu einem homo politicus judaicus, damit der Akademiker später der Leiter (mit Absicht sei nicht Führer gesagt) der jüdischen öffentlichen Dinge wird und für lebenslang einen Halt im Altherrenverband gewinnt, eine besonders im Osten bedeutende Funktion, wo die Judenheit nun innerhalb der „Minderheitenstaaten" politisches Gepräge trägt. Deshalb ist auch der Einfluß der Studentenverbindung im dortigen öffentlichen Leben recht bedeutend. Wir können also die korporative Form als eine mit durchaus gesundem Instinkt übernommene Entlehnung ansprechen, dazu geeignet, gewissen Anforderungen der nationalen Entwicklung in bestimmtem Kreise zu genügen. In ihrer Hochblüte zeitigt diese Form eine innerlich reiche und bereichernde Gemeinschaft einerseits, eine straff funktionierende Organisation andererseits. Ihr Niedergang zeigt sich meist in einer gewissen Erstarrung, doch geht eine solche nicht auf die Form selber zurück, sondern auf andere sachliche oder persönliche Ursachen. Wo ein Verein eingeht, da erstarrt oft eine Verbindung. Die Verbindung hat also ihre direkte Bedeutung in der Festigung jüdischen Lebens in der Galuth, greift aber nicht in die Schicksale Palästinas so unmittelbar ein, wie etwa die chaluzische Gruppe. Denn sie vereinigt als spezifische Standesorganisation4) Individuen, die in der heutigen Wirtschaft Palästinas in überwiegender Mehrzahl keinen Platz finden. Daß sie an der üblichen zionistischen Galutharbeit, durch ihre Disziplin besonders dazu befähigt, teilnimmt, und Propaganda, Sammlungen, Schekelverkauf usw. durchführt, ist wohl selbstverständlich. Dieser Umstand ist noch ganz besonders dazu angetan, Gegengewicht wider die konservierende Tendenz der Form zu sein, indem die lebendige Betätigung des Individuums, das von Palästina ausgehende Fluidum, den Keim der Entwicklung bilden, die keine Form garantieren, für die andererseits diejenige einer jüdischen Verbindung mit ihrer selbstverständlichen, demokratischen Toleranz gegen jede geistige Bewegung aber auch kein Hemmschuh sein kann. 4) Dieser Punkt ist nicht behandelt worden, weil er mit der hier diskutierten Frage in keinem direkten Zusammenhang steht. 32