Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 9 (Oktober 1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537812-3537818--7741-3545788- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
nämlich, und das ist für den Winter und für die ganze Zukunft meiner Ansicht nach notwendig, daß wir un® von denjenigen Bundesbrüdern trennen müssen, die eine negative Haltung zu uns und zu unserer Arbeit einnehmen, auch dann trennen müssen, wenn vielleicht manche menschliche Bindung sie uns lieb und wert gemacht hat, weil wir im Hinblick auf die Schwierigkeiten unseres Zieles uns nicht mit Menschen belasten können, die für «die Dauer niemals positiv, sondern immer hindernd unserer Arbeit gegenüberstehen werden. Was ich von dem Einzelnen an Arbeit verlange, ist, daß er sich selbst, soweit er in unsere Arbeit hineingekommen ist, für das, was wir tun, in vollstem Maße verantwortlich fühlt. Wir veranstalten Kurse, wir machen Fahrten, treiben Sport, lernen hebräisch, aber all das wird mehr oder weniger eine Vereins Veranstaltung, wenn es so gehandhabt wird, daß nur der Erstchargierte oder nur ganz wenige mit ihnen diese Dinge arrangieren und die Einzelnen dazu hinbringen. Zur zionistischen Erziehung ist vielmehr notwendig, daß diese unsere Arbeit von Jedem als seine Sache betrachtet wird, daß er sich nicht Vorträge und Kurse vorsetzen läßt, sondern daß er verantwortungsbewußt sich miteinstellt in den tgesamen Kreis dieser Arbeit. Eine solche Tätigkeit, darüber bin ich mir klar, fordert vielleicht mehr Opfer an Zeit und Energie, als sie unsere Bundesbrüder ohne weiteres zu bringen bereit sind. Aber jeder, der mit uns gehen will, muß sich darüber klar sein, daß wir nicht eine Gemeinschaft zur Schaffung von Geselligkeit, angenehmer Abendunterhaltung oder menschlicher Freundschaftsbündnisse für jüdische Studenten sind, sondern daß wir das Ziel haben, für die zionistische Bewegung zu arbeiten und daß diese Arbeit von uns Opfer fordern wird. Sie wird Opfer fordern, nicht nur an persönlichem Einsatz, sondern sie wird wahrscheinlich auch bei vielen zu menschlichen Konflikten in den Berufen führen. Ich glaube aber, daß man diese sogenannte ,,Berufspsychose" so entschieden wie irgend möglich bekämpfen sollte. Ich will hier gar nicht über die Frage des Berufes für später sprechen. Die Konflikte aber, die das Studium und die K.J.V.-Tätigkeit, untereinander hervorbringt, müssen behebbar sein. Einmal ist das akademische Studium in Deutschland durchaus darauf eingerichtet, daß es dem durchschnittlich Begabten Zeit läßt, sich auch seinen persönlichen Neigungen zu widmen. Andererseits aber soll man sich nicht der Täuschung hingeben, daß man durch eine Ueberbetonung des Beruflichen zu einer besonders erfolgreichen Tätigkeit für später kommen kann. Es ist eine alte Erfahrung, daß nicht der einseitig auf eine Sache, in unserem Falle, auf den Beruf eingestellte Mensch die besten Leistungen auf jedem Gebiet erzielt, sondern daß der Mensch auch im Leben am besten zu gebrauchen ist, der, nach allen Richtungen hin entwickelt, eine aus- und durchgebildete Persönlichkeit beruflich wie menschlich darstellt. Diese Ausbildung und Durchbildung können wir unseren Menschen bieten, die zionistische Sache ist weit und igroß genug, um geeignet zu sein, tüchtige Menschen in jeder Beziehung herauszubilden. Wir wollen dabei nicht mit Scheuklappen durch die Welt gehen, wir wollen all das in uns aufnehmen, was unsere Zeit uns an Ideen bietet und wollen uns damit auseinandersetzen. 22