Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1930-10-01 · Heft 9 (Oktober 1930) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
27 (1930)
Issue
Heft 9 (Oktober 1930)
Date
1930-10-01
Page
[Seite] (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3537599-3537812-3537818--7737-3545784
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

haben sich bei diesen Wahlen durchgesetzt. Abgesehen von den Kommunisten, deren Erfolg mindestens ebenso konjunkturbedingt ist wie der Hitlers, In dieser Wendung Deutschlands — und letzten Endes Europas — zum Konservativismus sehe ich die Bedeutung und, vielleicht, die Gefahr dieses Wahlergebnisses für uns Juden, Gefahr, weil unser Dasein in der Galuth, unsere Existenz als gleichberechtigte, gesellschaftlich wenigstens scheinbar eingeordnete Bürger der Auflösung alter Ordnungen und Bindungen durch den Liberalismus zu verdanken ist und weil die Schaffung neuer Ordnungen und Bindungen sehr leicht so vor sich gehen könnte, daß wir wieder draußen sind. Draußen nicht in dem Sinne, daß ich eine Einschränkung unserer Bürgerrechte — im Sinne des nationalsozialistischen Programms — auch nur für wahrscheinlich hielte; sondern draußen in dem Sinne, daß wir im Verlaufe einer an Jahren verhältnismäßig kurzen Entwicklung aus dem Leben Deutschlands de facto ausgeschaltet werden, so wie das schon heute in einer Reihe von Wirtschaftszweigen der Fall ist. Und davon, daß sich gegenüber einer derartigen Ausschließung auf die Dauer auch unsere „in zweitausend Jahren der Diaspora erworbene Elastizität" nicht wird durchsetzen können, davon bin ich allerdings überzeugt. Schon heute reagieren die deutschen Juden auf den doch erst in seinen Anfängen stehenden Prozeß der Umordnung und Bindung der freien kapitalistischen Wirtschaft und der liberalen politischen Ordnung mit wirtschaftlichen Zusammenbrüchen und mit einem Bevölkerungsrückgang, die für den materiellen Bestand der deutschen Juden ernste Befürchtungen erwecken. Diese Lösung des Galuthproblems dürfte aber selbst der radikalste Galuthverneiner nicht für wünschenswert halten. Man muß also sehen, wie man den Gefahren dieser Entwicklung begegnet. Von der wirtschaftlichen Seite der Sache will ich hier nicht reden, ebensowenig von der geistigen, von der Frage unserer ideologischen — nicht Neuorientierung, sondern — Neufundierung. Ich will nur kurz die politische Seite streifen. Eine politische Orientierung zu jenen Gruppen hin, welche in der kommenden Entwicklung das liberale Prinzip noch eine Zeitlang zu vertreten versuchen werden, zu der Volkspartei und den Demokraten — von denen sich Jungdeutsche, Sozialrepublikanischer Kreis und Jungdemokraten in absehbarer Zeit trennen dürften — scheint mir nach Lage der Dinge eine Donquichoterie zu sein, die wir getrost dem berufsmäßigen Liberalismus der C.V.-Syndici überlassen sollten. Unsere Orientierung kann nur zu den Parteien hin erfolgen, die eine Politik treiben, welche nicht praktisch auf unsere Ausschaltung hinausläuft. Das war bei der innerpolitischen Konstellation vor diesen Wahlen die Sozialdemokratie, das könnte unter anderen Voraussetzungen auch einmal das Zentrum sein. Und mit Rücksicht auf eine solche Aenderung der innerpolitischen Voraussetzungen einer Wahl, Aenderungen, die durchaus nicht nur taktischer Art zu sein brauchen, sondern grundsätzlichen Charakter haben können, ist es wahrscheinlich ratsam, schon bald das System der zu verschiedenen Parteien führenden Querverbindungen auszubauen, das eine gewisse Sicherheit gegen ausgesprochen antisemitische Führung der Politik sein könnte. Schon bald. Das heißt, sobald sich aus 18

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.