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Der jüdische Student · 1930-10-01 · Heft 9 (Oktober 1930) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
27 (1930)
Issue
Heft 9 (Oktober 1930)
Date
1930-10-01
Page
[Seite] (sequence 19)
Language
German
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Auf das Bedürfnis nach einer tieferen geistigen Fundierung der Politik wurde schon hingewiesen. Heute, im Zeitalter der verwirklichten formalen Demokratie, verlangen die wahlberechtigten Individuen nach etwas Ueberindividuellem, Ueberpersönlichem, Irrationalem, für das, um dessentwillen sie ihre Stimme abgeben. Die politischen Ideen, die heute wirksam sind, tragen deutlich den Charakter des Romantischen oder Religiösen. Das gilt von der kapitalismuszerstörenden Erlösungsidee des orthodoxen Marxismus nicht weniger als von der katholischen Heilslehre oder dem positiven Protestantismus christlich-nationaler Färbung, und es trifft für den bodenständigen nationalen Konservativismus Westarpscher oder Schielescher Richtung nicht minder zu als für das Dritte Reich des Nationalsozialismus. Die gemeinsame psychologische Wurzel dieser vielgestaltigen, aber wesenseinheitlichen Erscheinung ist das Gefühl seelischer Heimatlosigkeit, zu dem der rationalistische Liberalismus den modernen Menschen geführt hat. Das Lebens- und Weltgefühl der Menschen unserer Tage bescheidet sich nicht mehr bei dem Glauben an den Sieg eines abstrakten „Fortschritts", dessen vielfältige Bedingtheit — anders ausgedrückt: dessen Mangel an Absolutheit — ihm durch das historische und naturwissenschaftliche Denken des zwanzigsten Jahrhunderts aufgezeigt worden ist. Das Bedürfnis nach einer absoluten Sinngebung des ganzen, auch des politischen Lebens war seit Jahrhunderten in Europa nicht so stark wie in unserem Zeitalter des Relativismus. Deshalb hatten alle Gruppen, deren Programm so etwas wie eine absolute Antwort auf die Nöte unserer Zeit zu verheißen scheint, bei diesen Wahlen Zulauf, deshalb werden sie auch weiter Zulauf haben. Auf die Dauer freilich wird ihr Erfolg davon abhängen, inwieweit sie in den Massen den Glauben an Sinn und Wert des Daseins werden erwecken und erhalten können. Und das ist der Punkt, wo weltanschauliche und materiell-politische Tendenz einer Partei sich zum realen Erfolg, zur politischen Leistung zusammenfinden: in Massen, die hungern und keinen Ausweg aus dieser Lage sehen, wird sich der Glaube an Sinn und Wert des Daseins schwerlich erwecken lassen. Und deshalb werden politische Gefolgschaft und damit Macht auf die Dauer nur die Parteien haben, welche dem einfachen Menschen der Masse sowohl den Glauben an seine Geborgenheit in einer sinnvoll geordneten Welt als auch das Bewußtsein erwecken, in seiner materiellen Existenz nicht mehr den Zufällen einer unpersönlichen und deshalb völlig unbegreiflichen Wirtschaftskonjunktur hilf- und wehrlos preisgegeben zu sein. Schaffung und Erhaltung einer gesicherten wirtschaftlichen, politischen und geistigen Ordnung, in der ein jeder an seinem Platze sicher eingeordnet ist und sich geborgen fühlt: das ist der Sinn all der Gärungen in Europa, als deren eine wir diese Reichstagswahl auffassen müssen. Schaffung und Erhaltung einer gesicherten Ordnung, das ist kein liberales und ist kein revolutionäres Ziel, sondern ein konservatives. Wir sind in eine Periode des Konservativismus eingetreten. Und die konservativen Parteien, zu denen — alle Reden und Taten der letzten zwei Wochen zeigen es — auch die Nationalsozialisten gehören, 17

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