Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 9 (Oktober 1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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IL Aber auf all das kommt es gar nicht so sehr an. Es ist unsäglich töricht, wenn die von Juden herausgegebene und geschriebene Tages- und Zeitschriftenpresse zum Teil die Bedeutung des Wahlergebnisses dadurch zu verfälschen versucht, daß sie den Wahlausgang ausschließlich auf die wirtschaftlichen Schwierigkeiten zurückführt und ihren Lesern weismachen will, bei Besserung der Wirtschaftslage werde sich schon alles wieder in Wohlgefallen auflösen. Diese Menschen sind — ich verweise auf Krojankers ausgezeichnete Analyse des deutsch-jüdischen Liberalismus in Heft 5 dieser Zeitschrift — unfähig, Entwicklungen, die, wie sie mit der Sensitivität des ewigen Abwehrjuden richtig erfassen, ihre Lebenslüge vom schließlichen Siege der liberalen Demokratie erledigen, unbefangen zu betrachten und zu werten. Deshalb verkennen sie, was an dem Siege der Hitlerbewegung Konjunktur, was Propaganda und was politisch-geistige (jawohl: geistige!) Notwendigkeit ist. Deshalb übersehen sie, daß nicht nur Hitler gewonnen hat, sondern daß auch die konservativen Gruppen insgesamt — Landbund, Christlich-Nationale, Volkskonservative und Deutschnationale zusammen — nicht schwächer sind, als es die alte Deutschnationale Partei war. Deshalb begreifen sie nicht, was der Stimmengewinn des Zentrums und der beträchtliche Verlust der SPD bedeutet. Und deshalb stehen sie dem Zusammenbruch der beiden liberalen Parteien, der Volkspartei und der Staatspartei, verständnislos gegenüber. Dabei sind diese Tatsachen doch handgreiflich genug. Sie zeigen jedem, der imstande ist, geistige Entwicklungen (und politische Entwicklungen sind nun einmal Angelegenheiten geistiger Natur) zu verstehen, ein Wachstum, zumindest aber ein Beharren derjenigen Parteien, die ihren Wählern neben materiellen Versprechungen auch so etwas wie eine geistig-sittliche Linie, eine Sinngebung des politischen Lebens zu bieten versuchen (womit über den Wert dieser Sinngebungen nichts gesagt sein soll). Verloren haben dagegen diejenigen Parteien, denen jedes geistige Profil fehlt; die beiden von rationalistisch-formalistischer Ideenlosigkeit erfüllten liberalen Parteien und die zwischen marxistischer Orthodoxie, neuprotestantischer Frömmigkeit und karrierebeflissenem Opportunismus hin- und herpendelnde SPD. A m 14. September ist dem Liberalismus als politisch schöpferischer Idee in Deutschland der Totenschein ausgestellt worden. Damit hat Deutschland, das im Gegensatz zu den übrigen Staaten Mittel- und Westeuropas erst 1919 in die Reihe der demokratisch regierten Verfassungsstaaten eintrat, in elf Jahren eine Entwicklung durchgemacht, zu der England und Italien Jahrzehnte gebraucht haben und die in Frankreich heute noch nicht beendet ist: die Entwicklung vom politischen Siege des Liberalismus zu seiner geistigen Ueberwindung. Es ist nicht möglich, heute schon klar zu erkennen, wie sich die politischen Ideen und die wirtschaftlichen Bedürfnisse weiter entwickeln und gegenseitig bedingen werden. Aber die Konturen einiger wesentlicher Tendenzen sind doch schon erkennbar. 16