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Der jüdische Student · 1930-10-01 · Heft 9 (Oktober 1930) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
27 (1930)
Issue
Heft 9 (Oktober 1930)
Date
1930-10-01
Page
[Seite] (sequence 17)
Language
German
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Setzung. Dagegen sollen der Frage der „Querverbindungen", die m. E. mehr eine grundsätzliche als eine taktische Frage ist, weiter unten einige Zeilen gewidmet werden. Die Wahlen sind schlechter ausgefallen, als die Regierung erwartet hat. Sie sind auch ungünstiger geworden, als ich bei der Niederschrift des ersten Artikels befürchtet hatte. Die extremen Flügel sind derart stark, die Regierungsparteien derart schwach geworden, daß die Regierung weder für ihr innerpolitisches, noch für ihr außenpolitisches Programm eine Mehrheit hat. Das innerpolitische Programm dürfte — wenigstens in der Form, in der es vor den Wahlen vertreten wurde — an dem Widerstand der vereinigten Kommunisten, Sozialdemokraten und Nationalsozialisten scheitern, während sich gegen das außenpolitische Programm, die Erfüllung des Youngplans, eine Mehrheit finden kann, der sogar verschiedene Regierungsparteien angehören. Wenn es dem Kanzler nicht gelingt, vor Zusammentritt des Reichstages mit seinen Freunden von der Wirtschaftspartei, den Volkskonservativen, Christlich-Nationalen und Landbundleuten ein Arrangement in dieser Frage zu treffen (das natürlich nur auf Kosten einer Verständigung mit der SPD erfolgen wird), dann wird das Kabinett über dem kommunistischen Antrag, die Zahlungen aus dem Youngplan einzustellen, auseinanderbrechen. Wie dem auch sei, die Tatsache, daß bei den von Hugenberg abgesplitterten Gruppen eine natürliche Tendenz nach rechts besteht und daß auf der Rechten als dominierender Faktor 107 Nationalsozialisten sitzen, ist für die deutschen Juden verhängnisvoll genug. Wir dürfen uns auf einen nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch schweren Winter gefaßt machen. Dabei ist gleichgültig, ob das Zentrum mit Hitler eine Koalition eingeht oder — was wahrscheinlicher ist — sich mit ihm von Fall zu Fall verständigt. Die Leidtragenden werden allemal die Juden sein. Uns Zionisten ist das keine neue Erkenntnis. Aber wir werden in Deutschland heuer zum erstenmal seit der Emanzipation spüren, was das praktisch bedeutet. Der einzige Trost in dieser Lage ist die Hoffnung, daß dieser Reichstag nicht allzulange leben kann und daß die Neuwahlen im nächsten Jahr anders ausfallen. Diese Hoffnung ist nicht so ganz unbegründet. Denn eine Wahlkonjunktur wie dies Jahr (über drei Millionen Arbeitslose, Hunderttausende, die knapp das Existenzminimum verdienen, Zehntausende zusammenbrechende Mittelständler, eine Jungwählergeneration ohne Lebenshoffnung) wird sich sobald nicht wieder finden. Hinzu kommt, daß jene Industriellenkreise, die sich in der Hitlerbewegung ein Kampfinstrument gegen den Marxismus zu schaffen hofften und sie deshalb finanzierten, in Zukunft mit Rücksicht auf die sozialistischen Tendenzen innerhalb" der DNSAP ihre reichen Dotationen erheblich einschränken dürften. Und der Schloßherr von Doorn allein kann die nationalsozialistische Organisation auf die Dauer doch nicht finanzieren. Es ist also kein Grund, wegen des Wahlergebnisses zu verzweifeln. Der Winter wird politisch ernst und die Lage des öfteren nicht nur im Parlament kritisch sein. Aber wir werden auch das überstehen, selbst dann, wenn es vorübergehend zu einer Rechtsregierung mit dem Diktaturartikel 48 kommen sollte. 15

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