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Der jüdische Student · 1930-10-01 · Heft 9 (Oktober 1930) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
27 (1930)
Issue
Heft 9 (Oktober 1930)
Date
1930-10-01
Page
[Seite] (sequence 16)
Language
German
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groteske' Rechnung, die seltsamerweise von verschiedenen bürgerlichen Zeitungen liberaler Observanz mitgemacht wurde. Seltsamerweise! Denn daß in Notzeiten, bei mehr als drei Millionen Arbeitslosen, eine Regierung, deren Programm eine gewaltige Neubelastung der breiten Massen enthält, mit Stimmenzuwachs im Wahlkampf rechnete, das war wirklich kein Zeichen staatsmännischer Einsicht. Wer bei der Beurteilung der Situation nicht von einem Wunschbild, sondern von den Realitäten ausging, der mußte mit einer Niederlage der Regierung und einer beträchtlichen Stärkung der radikalen Gruppen rechnen. Demgemäß hatte ich bei der Niederschrift des ersten Aufsatzes angenommen, daß die Staats- und die Volkspartei in erster Linie die Zeche würden bezahlen müssen. Ich erwartete die Staatspartei mit etwa 20, die Volkspartei mit etwa 25 Mandaten im neuen Reichstag. Von Hugenberg glaubte ich, daß er an die Christlich-Nationalen und die Volkskonservativen etwa 20, an Hitler auch noch eine Reihe von Sitzen verlieren und mit höchstens 35 Mandaten wiedererscheinen würde. Ebenso erwartete ich schwache Verluste der Wirtschaftspartei an Hitler. Hingegen schien mir der Fortbestand von Zentrum und Bayerischer Volkspartei gewiß. Für die Sozialdemokratie befürchtete ich einen Mandatsverlust von 20 Sitzen, in die sich Kommunisten und Nationalsozialisten teilen würden. Diesen gab ich Chancen für 60, jenen für 80 Mandate. Bei dieser Konstellation wäre Brünings Bürgerblockregierung nur mit ausdrücklicher oder stillschweigender Zustimmung Hitlers denkbar und eine große Koalition so gut wie ausgeschlossen gewesen. Und bei dieser Konstellation hätte auch durchaus die Möglichkeit bestanden^ daß der Kanzler Hitlers Bundesgenossenschaft in der einen oder anderen Form in Kauf genommen hätte. Deshalb hielt ich es für notwendig, in diesem Augenblick die SPD nach Kräften zu stärken, in der Annahme, daß eine numerisch nicht allzusehr geschwächte SPD den Reichskanzler hätte veranlassen können, sich das Zusammengehen mit einem auch für ihn so schwer tragbaren Bundesgenossen wie Hitler zu überlegen und lieber nach links Fühlung zu suchen. In diesem Falle wäre dann das nach meiner Ueberzeugung für die Mehrheit der deutschen Juden höchst verhängnisvolle Finanz- und Wirtschaftsprogramm nicht verwirklicht worden, in dessen Zeichen die Regierung den Wahlkampf geführt hat. Es gehört schon eine verblüffende Unkenntnis der tatsächlichen Wirtschaftslage der deutschen Juden und zugleich eine große Verkennung der für die Weltwirtschaft und insbesondere für die Wirtschaft Mittel- und Südosteuropas zurzeit wirksamen Entwicklungstendenzen dazu, um auch heute noch an die Möglichkeit individualistisch-liberaler Wirtschaftsbetätigung für die breiten Massen der deutschen Juden oder der deutschen Bevölkerung überhaupt zu glauben und mit Schloß von einer „Verelendungspsychose" zu reden — und in dieser Einstellung für den politischen Anschluß an die Deutsche Volkspartei zu plädieren. Alle „in zweitausend Jahren der Diaspora erworbene Elastizität" hat nicht vermocht, den Zusammenbruch des jüdischen Mittelstandes in Deutschland während der letzten sechs Jahre aufzuhalten! Solange die Kritik grundsätzlicher Betrachtungen unserer wirtschaftspolitischen Lage sich unter Vergewaltigung der Tatsachen auf derartige Gemeinplätze beschränkt, erübrigt sich eine weitere Auseinander- 14

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