Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 9 (Oktober 1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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so zeigt es sich auch hier wieder, daß das deutsche Judentum von ganz anderen Kräften geleitet und gespeist wird als von seinen Ideologien. Diese gelten noch, trotzdem die Bedingungen, unter denen sie entstanden sind — die kulturellen und die wirtschaftlichen — heute längst außer Kraft getreten sind. Würden wir den Zustand des deutschen Judentums nach den offiziellen Verlautbarumgen messen, die seine Mehrheitsparteien in Rede und Schrift von sich geben, so würden wir zu dem Resultat kommen, daß die 20 Jahre Kriegs- und Nac'hkriegsentwickilung an dem Denken und Fühlen der deutschen Juden fast spurlos vorübergegangen sind. Wer sich jedoch nicht mit den Leitartikeln als echten Kronzeugen gesellschaftlicher Entwicklung begnügt, der wird an anderen Stellen die starken Kräfte spüren, die bei der Umformung des deutschen Judentums am Werke sind und denen wir zum vollen Durchbruch verhelfen müssen. Vieles hat sich schon gewandelt: Die Umformung und Verlebendigung der jüdischen Großgemeinden, die wieder positive Faktoren im jüdischen Leben zu werden versprechen, der Sieigeszug des zionistischen Gedankens in der Jugend, die Ausbreitung hebräischer Kultur, die ungeheure Anziehungskraft des wachsenden Palästinas, die Konstituierung der Jewish Agency sind Fakten, die aus dem Leben der deutschen Juden nicht mehr wegzudenken sind. Jetzt gilt es noch, in einer neuen Phase des Kampfes die politischen und organisatorischen Konsequenzen aus den Ideen zu ziehen, die wir mit so viel Erfolg im deutschen Judentum vertreten haben. Die heutigen Organisationsformen des deutschen Judentums sind veraltet und überlebt. Noch fehlt die Reichsorganisation des deutschen Judentums, die alle Agenden der jüdischen Gemeinschaft führt, die der Atomisierung des deutschen Judentums in isolierte Gemeinden und Landesverbände und in vielerlei Zweckorganisationen ein Ende macht. Am fühlbarsten wird das Fehlen einer umfassenden Reichsorganisation in der heute aktuellen Frage unseres politischen Kampfes. Der Schutz und die Verteidigung der staatsbürgerlichen Rechte der deutschen Juden liegt in der Hand eines Vereins, einer Organisation, die noch ganz angefüllt ist von den assimilatorischen Ideologien des Vorkriegsjudentums, in der sich eine würdige gesamt-jüdische Haltung nicht durchzusetzen vermag, eine Organisation, die den Kampf um die deutschen Staatsbürgerrechte mit einer Ideologie führt, die die Zionisten in ihrer staatsbürgerlichen Stellung degradiert, also diesen so wertvollen Teil der deutschen Juden vom Kampf ausschließt. Es kommt noch hinzu, daß diese Organisation diesen Kampf mit unzulänglichen Mitteln, mit falschen Mitteln und mit der Erfolglosigkeit führt, wie sie durch die letzten Reichstagswahlen in grauenvoller Weise belegt worden ist. Wir stehen vor der Aufgabe, eine politische Neuformung im deutschen Judentum anzustreben, in der der Schutz unserer staatsbürgerlichen Interessen zur Aufgabe der Gesamt judenheit werden kann. Heute sind wir von einer solchen jüdischen Gesamtpolitik noch weit entfernt. Noch spuken in den Köpfen führender deutscher Juden die Anschauungen vom Wesen des Antisemitismus, die zu den jetzigen Formen seiner Bekämpfung geführt haben. Wollen wir eine andere Politik des deut- 8