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Der jüdische Student · 1930-10-01 · Heft 9 (Oktober 1930) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
27 (1930)
Issue
Heft 9 (Oktober 1930)
Date
1930-10-01
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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sehen Judentums, so müssen erst diese alten Anschauungen beseitigt und durch unsere Erkenntnisse ersetzt werden. Der produktivste Beitrag, den die Zionisten für die Bekämpfung des Antisemitismus geleistet haben und noch leisten werden, ist ihre Erkenntnis vom Wesen des Antisemitismus. Dieser Beitrag stellt, so glauben wir, alles in den Schatten, was die deutschen Juden bisher auf dem Gebiet der Abwehrarbeit getan haben. Diese These ist nicht so überheblich, wie sie klingt. Sie wendet sich in etwas überspitzter Form gegen den Vorwurf, daß die Zionisten an der Frage des Antisemitismus desinteressiert seien und daß die Spezialisten auf diesem Gebiet die nichtzionistischen Gruppen des deutschen Judentums seien. Desinteressiert sind wir in der Tat zum großen Teil an der heute üblichen Methode der Abwehrarbeit, interessiert sind wir an einer Neugestaltung des deutschen Judentums, die den deutschen Juden mehr Festigkeit, Selbstsicherheit und Einsicht gibt und sie die Gefahren des Antisemitismus wird überstehen lassen. Diese Gefahren liegen nicht ausschließlich da, wo die Mehrzahl der deutschen Juden sie sehen. Diese Gefahren liegen viel mehr in uns als außer uns. Wir fürchten nicht nur eingeschlagene Fensterscheiben, wir bangen nicht nur um wirtschaftliche Positionen, wir bangen nicht nur um weitere Abstriche von unserer gesellschaftlichen und politischen Gleichstellung, trotzdem wir auch diese Gefahren nicht gering einschätzen. Wir bangen vor allem um die Würde und S e 1 b s t s i c h e r h e i t des deutschen Judentums, die durch eine falsche Theorie vom Wesen des Antisemitismus untergraben wurde und noch wird, die durch kleinliche und peinliche Abwehrmaßnahmen dauernd erschüttert wird. 2000 Jahre furchtbarster Verfolgung, Kreuzzüge, Inquisitionen, Vertreibungen konnten dem Juden nichts anhaben, weil der Judenhaß über seine Seele nicht Gewalt bekam, weil er sich nicht verlor. Subtilste Feindschaftsäußerungen, wie sie der moderne Antisemitismus erfand, z. B. die Unmöglichkeit, auf seine Visitenkarte das ersehnte „Leutnant a. D." drucken zu können, haben in der Seele der Juden mehr Verwüstungen angerichtet, als die Scheiterhaufen der Inquisition. Der Jude wurde gegenüber dem Phänomen des Antisemitismus innerlich wehrlos und verlor sich in diesem Kampf. In seinem naiven Rationalismus konnte er den Antisemitismus nicht begreifen. Er sah immer nur die absurden und von ihm als unwahr empfundenen Begründungen. Er hielt sich immer nur an die Aeußerungen und sah nicht die tieferen Kräfte, die den Antisemitismus speisten. Vielleicht wollte er sie nicht erkennen, weil diese Erkenntnis die Welt von Fiktionen erschüttert hätte, in die er sich geflüchtet hatte. Er lebte in dem Wahn einer völligen Identität mit seiner Umwelt, die er als stärkstes Argument für sich empfand. „Wir sind ja identisch", war der Refrain, der aus allen seinen Abwehräußerungen klang, und der Nachweis von seiner Identität füllt die Abwehrschriften, die leider nur die Juden selbst lasen. Die Widerlegung der Argumente des Antisemitismus wurde zu einer geübten Kunst, „Aufklärung und Abwehr", Hauptbetätigung des deutschen Judentums. Der Antisemitismus war die

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