Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1930-10-01 · Heft 9 (Oktober 1930) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
27 (1930)
Issue
Heft 9 (Oktober 1930)
Date
1930-10-01
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3537599-3537812-3537818--7726-3545773
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

die nicht eines Tages koalitionsreif für die Nationalsozialisten werden könnte, so wird man fast zu dem Resultat kommen müssen, daß die wirtschaftliche und politische Situation der deutschen Juden aussichtsloser und trostloser ist denn je. Diesen negativen Tendenzen stehen allerdings eine Reihe von positiven Fakten gegenüber, die wir der Nachkriegsentwicklung in Europa verdanken. Das neue Europa, das sich in den Köpfen der fortschrittlichen und besten der politischen und geistigen Führer malt, eröffnet dem europäischen und besonders dem deutschen Juden neuen Lebensraum, wenn das Judentum nur diese Entwicklung richtig zu würdigen und zu nutzen versteht. Der Begriff der internationalen Solidarität — den Juden alt vertraut — hat in Europa einen neuen Rang und Platz bekommen. Die Tatsache der internationalen Bindungen galt im wilhelminischen Deutschland als Vorstufe zum Hochverrat. Dem Zentrum, später der Sozialdemokratie und natürlich immer den Juden, wurde die Tatsache ihrer internationalen Querverbindung als schwerwiegendstes Argument entgegengehalten, wenn es galt, ihre staatsbürgerlichen Rechte anzuzweifeln. Den immer unsicheren Juden, der immer mit einem bösen Gewissen herumlief, traf dieser Vorwurf am schwersten, und er bemühte sich, jeden Zusammerihang mit der jüdischen Welt abzustreiten, und die Grenzen, die er seinen jüdischen Bindungen setzte, sollten an den schwarz-weiß-roten Grenzpfählen aufhören. Heute erscheint den Einsichtigen und Fortgeschrittenen die Tatsache der internationalen Bindungen des deutschen Judentums als ein Faktor, der sie ihren Heimatländern wertvoller macht, da man in ihnen eine völkerverbindende Kraft sieht, und die jüdische Politik sollte für ihre Betätigung die Tatsache der internationalen Solidarität des Judentums aufs stärkste nutzen. Dieses ,.Locarno-Europa" kann sich doch nur in den Köpfen der jüdischen Literaten als das uniformierte Europa malen, in dem es keinen Platz mehr gibt für nationale Differenzierungen. Für uns bedeutet es das Europa, in dem die Völker frei das ihnen Eigene entwickeln können, in dem man begreift, daß jedes Volk, jede nationale Minderheit Anspruch auf volle Freiheit hat, und daß die Freiheit für alle nur so lange verbürgt ist, so lange es keine unter- , drückten Nationen gibt. Die bedeutsamsten Ergebnisse des Krieges für die Juden sind unbestritten die politischen Erfolge, die der Zionismus errungen hat; die Anerkennung der Juden als Volk durch die Mächte der Welt, die Durchsetzung ihres Anspruchs auf Palästina, die Bestätigung der Jewish Agency als der legitimen Vertretung des jüdischen Volkes. In Palästina geht ein jüdischer Konzentrations- und Aufbauprozeß vor sich, der den Auflösungsprozessen des Judentums in der Galuth die Waage hält und sie kompensiert, ja, dort und nur dort werden die Grundlagen für ein Leben des jüdischen Volkes in Freiheit geschaffen. Wie spiegeln sich nun diese negativen und positiven Tendenzen im Leben und in der Politik der deutschen Juden wider? Man müßte annehmen, daß im deutschen Judentum, das heute unter so völlig veränderten Bedingungen lebt, eine grundlegende Neuorientierung Platz gegriffen hat. Wenn man aber die Programme und Tendenzen im deutschen Judentum überprüft, 7

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.