Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1930-10-01 · Heft 9 (Oktober 1930) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
27 (1930)
Issue
Heft 9 (Oktober 1930)
Date
1930-10-01
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3537599-3537812-3537818--7725-3545772
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

NachkriegsentwicMung und Abwehrkampf des deutschen Judentums Von Siegfried Kanowitz (V.J.St. Maccabaea Königsberg A.H.) Nachstehender Artikel Bbr. Kanowitz' ißt die Erweiterung und Vervollständigung seines auf dem Camp gehaltenen Referates. Die Red. Die europäische Nach'kriegsentwicklung hat auf Gehalt und Gestalt des deutschen Judentums tiefgreifende Wirkungen ausgeübt. Die Behauptung, daß die Juden Nutznießer des Krieges geworden seien, kann man nur als bittere Ironie betrachten, denn die Faktoren, die auflösend und niederdrückend wirken, überwiegen durchaus gegenüber den Auftriebstendenzen, die sich während der Nachkriegsjahre angebahnt haben. Unter den negativen Einwirkungen, die das Gesamtjudentum und dadurch mittelbar auch das deutsche Judentum getroffen haben, wiegt wohl am schwersten die wirtschaftliche Depossedierunjg und politische Zertrümmerung des Ostjudentum®, dieses großen Reservoirs, das während der letzten Jahrzehnte vor dem Kriege unaufhörlich das deutsche Judentum mit frischen Kräften speiste und das Bevölkerungsmassiv des deutschen Judentums vor dem Einschmelzen bewahrte. Die ehemals wirtschaftlich und kulturell zusammenhängende Masse des O&tjudentums, die sich im wesentlichen auf die beiden großen Reiche Rußland und Oesterreich verteilte, ist heute in unzählige nationale Minoritäten aufgespalten und sieht sich überall einem sehr jungen, militanten Nationalismus gegenüber, der auch wirtschaftlich da® Ostjudentum aus seinen eingenommenen Positionen verdrängt, ohne den pauperisierten Elementen neue Existenzmöglichkeiten zu öffnen. Es kommt hinzu die vollkommene Abtrennung und Zerrüttung des russischen Judentums, das völlig aus dem Kreislauf des Volksorganismus ausgeschaltet ist, wohl der schwerste Verlust, der das Judentum im Verlauf seiner Galuthgeschichte getroffen hat. Zersetzung des Ostjudentums, Abschnürung des deutschen Judentums vom Ostjudentum, haben naturgemäß die Erhaltungs¬ und Entwicklungschancen des deutschen Judentums außerordentlich verschlechtert. Die Nachkriegsentwicklung brachte den deutschen Juden eine zweite schwere Niederlage in Gestalt ihrer eigenen wirtschaftlichen Verelendung. Das einstmals so stolze und reiche Judentum, das hochmütig auf den ostjüdischen Schnorrer herabblickte, befindet sich heute in einem Verelendungsprozeß, dessen Ausmaß noch unabsehbar ist. Die Vernichtung des deutschen Mittelstandes traf das deutsche Judentum, eine Mittelstandsschicht — kat ex ochen —, besonders schwer. Die Vormachtstellung der Juden im Großhandel und in den Banken ist erschüttert. Der Kleinhandel, die vermittelnden Berufe, bieten kaum noch Chancen und die Umstellung der jüdischen Jugend auf produktive Berufe erfolgt nur zögernd. Rechnet man noch die starke politische Bedrohung des deutschen Judentums durch die steigende antisemitische Flut hinzu, denkt man an die Tatsache, daß es keine Partei in der deutschen Politik gibt, die sich offen und frei und ohne Winkelzüge für die faktische gesellschaftliche und politische Gleichstellung der Juden einsetzt, denkt man daran, daß es keine bürgerliche Partei gibt, 6

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.