Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1930-08-01 · Heft 7-8 (August 1930) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
27 (1930)
Issue
Heft 7-8 (August 1930)
Date
1930-08-01
Page
[Seite] (sequence 34)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3537599-3537812-3537817--7700-3545746
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Arbeitsmethode des Denkens entspringen kann, die ihrerseits theoretisch nicht zu begründen ist und deshalb da aufhören muß, wo sie mit den klaren Tatsachen in Widerspruch gerät. Ein bemerkenswertes Bekenntnis schließt sich hier an: „Ich suchte für die Fakten Gesetze. Das führte natürlich manchmal zu voreiligen und unrichtigen Verallgemeinerungen, besonders in meiner Jugend." Besonders, das heißt nicht allein. Man kann aus dieser allgemeinen Feststellung natürlich nicht die unmögliche Annahme herleiten, daß der Autor alle seine falschen Ansichten erkennt; sie zeigt zunächst nur eine gewisse Courtoisie und das Fehlen dogmatischer Rechthaberei, darüber hinaus aber auch die Richtung, in der der Autor selbst $eine Fehler suchen würde. Ueber seine weiteren jüdischen Erlebnisse genügt es, in diesem Zu«* sammenhang zu sagen, daß er im jüdischen Kleinbürgertum wie in der liberalen Bourgeoisie heimisch war, an die er durchaus nicht ohne Sympathie zurückdenkt; aber sein Temperament mußte ihn aus dieser unpolitischen Atmosphäre heraustreiben. Eine nationale Differenzierung konnte ihm nur hinderlich sein in dem Bestreben, in Fühlung mit den Massen zu kommen, das die Basis der revolutionären Arbeit bildete. Die nationalen Unterschiede traten auch infolge der gemeinsamen proletarischen Interessen scheinbar zurück, in Wirklichkeit assimilierte er sich restlos an das Russentum. Immerhin ist er nicht so naiv, sich über die objektive Seite der Frage völlig zu beruhigen. Als Lenin ihm nach der Revolution die inneren Angelegenheiten übertragen will, lehnt er ab mit dem Argument: „Lohnt es sich, den Feinden noch eine solche Waffe wie mein Judentum in die Hand zu geben?" und kommentiert diese Ablehnung folgendermaßen: „Wenn ich im Jahre 1917 und später manchmal mein Judentum als Argument gegen die eine oder die andere Ernennung benutzte, so tat ich es ausschließlich aus Gründen politischer Berechnung." So habe er in diesem Fall sowieso die Absicht gehabt, sich für kurze Zeit zurückzuziehen; die Gründe, die er dafür angibt, sind recht undurchsichtig. Aber selbst gesetzt, er hatte solche Gründe, warum konnte er sie Lenin nicht angeben, mit dem er sich doch damals gerade sehr gut gestanden haben will? Man braucht kein Psychoanalytiker zu sein, um das „vorgeschobene Argument" als unbewußte Erkenntnis zu deuten. Daß auch die revolutionäre Begeisterung die Gegensätze verschieben, aber nicht beseitigen kann, das bezeugt eine interessante Bemerkung eines Kosaken: „Lenin, ja, der ist Kommunist — ein Jude, aber Trotzki ist unser — ein Kämpfer — ein Russe —? der ist unser!" Seitdem hat die Kurve der Entwicklung eine überraschende Wendung genommen. Die Faktoren, die von der Dialektik nicht in Rechnung gestellt wurden, sind in Erscheinung getreten. Es ist daraufhin von verschiedenen Seiten schlankweg behauptet worden, Trotzki habe sich nicht halten können, „weil er Jude ist". So einfach liegt die Sache nicht. Trotzki führt mit Recht die wachsende Abneigung gegen ihn' auf einen Komplex von Eigenschaften zurück, die ihn in der Zeit der Konsolidierung verhaßt machen mußten: sein revolutionäres Temperament, sein geistiger 33

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.