Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 7-8 (August 1930)
- Date
- 1930-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537812-3537817--7699-3545745- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Wie kommt es nun, daß gerade Trotzki, der doch sonst vor einer ideologischen Inkonsequenz, wenn es nötig ist, nicht zurückschreckt — man denke nur noch daran, daß er, wenn auch recht verlegen, das Wirken von Idee und Persönlichkeit neben den gesetzmäßigen Ablauf des ökonomischen Prozesses stellt —, in der nationalen Frage eine solche, geradezu singulare Halsstarrigkeit zeigt? So einfach es ist, darauf mit Trotzkis Judentum zu antworten, so ist hiermit das Wie dieser Einwirkung noch längst nicht geklärt. Immerhin gibt es in seinem Buch eine Reihe von Stellen, an denen er mit größter Offenheit über diese Frage spricht, soweit sie ihm bewußt ist. Schon die ganze vorangegangene Betrachtung verrät überall im großen wie im kleinen Züge, bei denen sich die Möglichkeit, sie als jüdisch zu charakterisieren, geradezu aufdrängt; es ist aber immer gefährlich, dergleichen Verallgemeinerungen zu präzisieren, wenn auch ein Kern von unbestreitbaren Tatsachen vorhanden ist. Ich will jedenfalls im Interesse der Sauberkeit des Verfahrens nur auf das eingehen, was der Autor selbst dazu sagt. Der alte Bronstein, ein bescheidener Gutsbesitzer, wohnt mit seiner Familie in einem Winkel der Ukraine, weit von der Stadt, ohne Verkehr mit anderen Juden, in seiner Lebenshaltung von den umwohnenden Bauern nur durch großen Fleiß unterschieden; von jüdischem Ritus war gerade soviel zu spüren, daß die Mutter „sich nicht entschließen konnte, am Sonnabend in die Stadt zu fahren". Die Sprache war ein Gemisch von Russisch und Ukrainisch, Jiddisch hat Trotzki nie gelernt, auch später, als er in eine jüdische Schule kam, konnte er sich mit seinen Kameraden nicht verständigen; diese Episode endete sowieso nach einigen Wochen. Er lernte dann regelrecht auf einem deutschen Gymnasium in Odessa, wo er seine nationale Besonderheit ohne weiteres in die Kategorie aller nationalen Differenzierungen einordnen lernte. „Mich berührten in gleicher Weise die maskierten Gemeinheiten des Geschichtslehrers gegen die Polen, die Gereiztheiten des Franzosen Burnand gegen die Deutschen, das Kopf schütteln des Popen gegen die Juden. Wahrscheinlich hat die nationale Ungleichheit einen unterirdischen Anstoß zu meiner Unzufriedenheit mit dem bestehenden Regime gegeben; aber diese Ursache löste sich in den anderen Erscheinungen sozialer Ungerechtigkeit auf und spielte keine ausschlaggebende, überhaupt keine selbständige Rolle.'* Halt, das ist es. Hier verrät ein leichtes Knacken den fehlenden logischen Kontakt. „Diese Ursache löste sich auf----" Steht nicht schon diese verschwommene Ausdrucksweise in auffälligem Kontrast zu der bei Trotzki gewohnten und sogar betonten Präzision auch in den kleinsten Dingen? Wie kann sich eine Ursache in anderen Erscheinungen auflösen? Den psychologischen Schlüssel — denn direkt polemisieren kann man nur gegen einen präzisen Gegner, den indifferenten kann man höchstens „aufschließen" — gibt mit ungewollter Offenheit der darauffolgende Abschnitt: „Das Gefühl des Vorranges des Ganzen über das Partielle, des Gesetzes über das Faktum, der Theorie über die persönlichen Erfahrungen, entstand in meinen frühen Jahren und hat sich mit der Zeit nur verstärkt." Das ist durchaus sympathisch, aber man muß dabei beachten, daß diesem Gefühl nur eine 32