Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 7-8 (August 1930)
- Date
- 1930-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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würdig, wie sie klingt. Der Grund liegt darin, daß der Maßstab der freien Entscheidung, der der Ethik entnommen ist, in der Erkenntniskritik durchaus verfehlt ist. Dieser Irrtum läuft parallel zu dem anderen, daß die Einheit der Grundtendenz eine logische Forderung sei. Statt dessen ist sie nur ein psychologisches Bedürfnis, bei dessen logischer Verwendung äußerste Vorsicht geboten ist, wenn es nicht zu einer monistischen Manie führen soll. Geht man von einer solchen falschen Voraussetzung aus, so muß man dann schon die Tatsachen in ein Prokustesbett zwängen, damit nicht die ganze Theorie gesprengt wird. Einer dieser Faktoren, die von der Dialektik absorbiert werden, ist die nationale Differenzierung. Die Beziehungen zwischen Marxismus und Nationalismus sind bekannt, aber ihre Wurzeln zu untersuchen, ist gerade bei Trotzki eine komplizierte und reizvolle Aufgabe. Die eine Wurzel wurde eben schon freigelegt, sie besteht in dem apriorischen Zentralismus der historischen Kräfte oder vielmehr der historischen Kraft. (Die konzentrierte Ausdrucksweise, mit der sich schärfer manövrieren läßt, dürfte nach dem Vorhergehenden ohne weiteres klar sein.) Die zweite Wurzel besteht in dem apriorischen Zentralismus gegenüber den Menschen, die diesem historischen Faktor unterworfen sind. Denn ebenso wie die Dialektik als Faktor nur den ökonomischen Prozeß anerkennt, kann ihr folgerichtig auch nur eine hierdurch bewirkte Differenzierung wesentlich sein, also die ökonomische. Das Vorhandensein einer nationalen Differenzierung, die von sich aus den ökonomischen Prozeß kräftig beeinflußt, wird in die Theorie eingeordnet mit der Unterstellung, der Nationalismus werde nur künstlich von konterrevolutionären Mächten erhalten. Damit wäre doch wieder letzten Endes alles auf die ökonomischen Faktoren zurückgeführt. An dieser Formel, die heute im wesentlichen in allen anderen Lagern, die sich eingehend damit befaßt haben, bei den Revisionisten, Austromarxisten und Stalinisten, aufgegeben worden ist, hält Trotzki unverändert fest. Die Feststellungen, die er hierzu im einzelnen macht, sind dabei um nichts geistreicher, als die Argumente seiner deutschen Genossen (nur mit dem Unterschied, daß Trotzki persönlich niemals seine Nationalität zu fälschen versucht). In dem Konflikt, in dem vor dem Kriege die tschechischen Sozialdemokraten eine organisatorische Trennung von den österreichischen erstrebten, sprach seiner Ansicht nach vieles dafür, „daß die berechtigte Unzufriedenheit der tschechischen Arbeitermassen mit der Führung Wiens von tschechischen Chauvinisten vom Schlage Nemec' (des Führers der tschechischen Sozialdemokraten) geschickt ausgenutzt wurde". Es ist nicht einzusehen, warum die tschechischen Arbeiter weniger national gewesen sein sollen als ihre Führer; man muß schon in marxistischer Weise im Proletarier den marxistischen Idealmenschen sehen, um das zu glauben. Und selbst wenn das der Fall gewesen sein sollte, so bestand doch, wie Trotzki selbst zugibt, auf seiten der österreichischen Sozialdemokraten ein so aggressiver Nationalismus, daß man den Tschechen eine Abwehr nicht verdenken konnte* Oder hätten sie alles ruhig hinnehmen sollen? Man löst ja auch das Klassenproblem nicht, indem man es ignoriert. 31