Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 7-8 (August 1930)
- Date
- 1930-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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artig ausnimmt, und andererseits, daß Trotzki sein Licht wirklich nicht unter den Scheffel stellt. Er erzählt ohne Phrasen, in einem Stil von der Knappheit des Bellum Gallicum, mit Humor und bitterer Ironie, wie alles gewesen ist, und es stellt sich heraus, daß er im kleinen überall seinen Mann gestanden und im großen ganzen eigentlich immer Recht gehabt hat. Dabei ist nicht anzunehmen, daß er irgendwo eine Unwahrheit geschrieben hat, sicher aber hat er viele Tatsachen in eine subjektive Beleuchtung gerückt. Das ist das gute Recht eines Mannes, der mitten im politischen Kampfe steht. Einen persönlichen Vorwurf kann man ihm daraus um so weniger machen, als er sich gegen eine groß angelegte Geschichtsfälschung seiner kommunistischen Gegner zu verteidigen hat. Um Trotzkis theoretische Ansichten kennenzulernen, ist die Lektüre seiner Lebensbeschreibung nicht der geeignete Weg. Dafür findet man aber gerade hier Hinweise auf die richtunggebenden Tendenzen in Trotzkis Entwicklung, die man in seinen theoretischen Schriften vergeblich suchen würde. Denn dies ist keine bloße Erzählung von Tatsachen, keine reine Propagandaschrift, sondern auch das nachdenkliche Buch eines ungewöhnlich klugen Menschen, ohne daß er deshalb Aphorismen oder andere geistreiche Zufallsprodukte von sich gibt. Vielmehr zeigt er durchaus und von Anfang an einen Hang zur Gesetzmäßigkeit, der seine geistige Entwicklung völlig bestimmt hat; auf ethischem wie auf logischem Gebiet denkt er streng deduktiv. Die Ethik nimmt für ihn ihren Ausgang von der absoluten Forderung, im Sein-sollenden und nicht im Seienden: schon als Junge unterliegt er diesem elementaren Gefühl. Auch an Marx und Engels erscheint ihm als das Große „die absolute organische Unabhängigkeit von der offiziellen Meinung, stets und unter allen Umständen". Und: „Das revolutionäre Bewußtsein erhob sich stetsjiber die Zufälle des Schicksals und über die Werke von Menschenhand." Wenn auch bei Marx diese Unabhängigkeit mehr im Persönlichen als im Theoretischen liegt — auch sonst erscheint Marx in unbegründeter Weise idealisiert —, so ist dieses Ideal für den, der es findet, um so bezeichnender. Gerade diese aktive Einstellung ist die erste und grundlegendste Inkonsequenz gegen die Hegel-Marxsche Dialektik, die ihn in sympathischer Weise von vielen anderen unterscheidet. Noch schärfer als im Ethischen, aber nicht so glücklich wirkt sich dieser Grundtrieb, den man paradoxerweise nur als Trieb zur Regelmäßigkeit bezeichnen kann, auf logischem Gebiet aus. Schon als Schüler beseelt ihn eine „intellektuelle Feindschaft zu der Brockenraff er ei, zum Empirismus, zu allem geistig Ungeformten und theoretisch Zerfahrenen." Dieses zentralistische Bestreben, alles von einer Ursache her zu erklären, dann aber auch alles zu erklären, mußte ihn, sobald er einmal mit der proletarischen Bewegung in Berührung gekommen war, unbedingt zum Anhänger desjenigen proletarischen Systems machen, das allein dieses Bestreben erfüllt oder wenigstens zu erfüllen verspricht, also zum Anhänger der dialektischen Methode. Der ökonomische Prozeß wird allein maßgebend, und bewußt entscheidet sich Trotzki, neben ihm keine anderen Faktoren gelten zu lassen, denn das wäre — Eklektizismus. Diese „Entscheidung" ist so merk- 30